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Mark Richard: Kein gewöhnliches Mädchen

29.08.2005

 
An Bewusstseinsrändern

Von Kindern und Geistern, von Alkoholikern und Dämonen: Mark Richards Geschichtensammlung "Kein gewöhnliches Mädchen"

 

Kinder und Alkoholiker haben gemeinsam, dass sie abhängig sind von jemandem oder etwas. Sie sind die Hauptfiguren in Mark Richards Storyband "Kein gewöhnliches Mädchen". Eher unabhängig sind Geister, Traumfiguren und Dämonen, diese freien Gesellen der Fantasie. Sie sind meist die Nebenfiguren in den Storys des US-Schriftstellers. Meist, da sich bisweilen nicht genau bestimmen lässt, wer wichtig und wer unwichtig ist. In "Wo blau einfach blau ist" untersucht der Unmengen Bier trinkende und malende Polizist Cecil einen Todesfall im Hafen eines Städtchens. Am Ende ist nicht klar, was grausamer ist: der vermutlich verübte Mord oder Cecils während der Ermittlungen gemaltes Bild mit dem Titel "S-Muster auf Grau". Wie eine Bootsschraube aussieht, wenn sie durch Haut schneidet. In der Titelstory soll die Geschichte eines Geistes dafür herhalten, dass sich eine junge Frau einem Mann hingibt. Doch Angst will nicht aufkommen, zumindest nicht bei ihr. Meist aber mischt Mark Richard Lebende und Untote ganz wunderbar, so wie in "Gedenktag", wo ein gut angezogener Tod vor der Tür offensichtlich auf den seit Wochen kranken Bruder eines kleinen Jungen wartet und diesem schnell auf die Nerven geht: "Das Kind bekam es allmählich satt, dass der Tod so oft da war und immerzu redete, redete, redete. Irgendwie hielt der Tod nie die Klappe". Die Story "Armenstation" lebt von der Spannung zwischen einem "zerschlagenen Kind und einem Jungen, dem am Steiß ein Schwanz gewachsen ist". Er bedroht das andere Kind mit dem Tode, und da beide Bettnachbarn in der Armenstation eines Krankenhauses sind, stehen seine Erfolgsaussichten gut. Doch müssen sie sich auch der Brutalität fürsorglicher Nonnen erwehren und den "Armenstationskalender" durchlaufen: Blindenmonat, Verrenkte-Hüfte-Monat, Hodenhochstandstag, Verbrennungsmonat, Hirnmonat, Hasenschartenwoche, Besserungsmonat, Extra-Gliedmaßen-Monat. Mark Richard reiht sich mit seinem Buch in die Südstaatentradition der düster-mythologischen Prosa, aber nur, um den kunstvoll erzeugten Grusel mit subtilem, beiläufigem Humor gleich wieder zu bannen. Dass es auch ernst zugehen kann, beweisen Geschichten wie "Spaß am Strand", eine irrwitzige, aber gänzlich unkomische Trinkerstory, und "Wo blau einfach nur blau ist", in der der malende Polizist Cecil irgendwann sagt: "Manchmal seh ich ein Stück von irgendwas, das hängt am Rand meines Bewusstseins und will nicht rüber, und das mal ich dann, damits rüberkommt." Das ist originell, aber nicht viel, und ersetzt man im Zitat "mal" durch "schreib", ist auch die Themenauswahl des Autors gut charakterisiert. Übrig bleiben die Protagonisten, all die Kinder und Alkoholiker sowie die Geister und Dämonen. Richard platziert beide Figurengruppen umsichtig und erzeugt so eine schöne Balance zwischen den Schrecken des Alltags und jenen der Vorstellungskraft. Maik Söhler (Beitrag ersterschienen im taz-Magazin)
Mark Richard: "Kein gewöhnliches Mädchen". Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt, Reinbek 2005. Geb. 144 S., 17,90 Euro

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