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Kurt Schwitters: Das literarische Werk

08.09.2005

Geklebte Literatur

Kunst sei nichts weiter als Rhythmus, hat Schwitters geäußert. Diesem Rhythmus ging er mit jedem Material zu Leibe, ob das Straßenbahnfahrscheine waren oder Ölfarbe, ob Holz- oder Bauklötze. Und auch das Wort nutzte das Ausnahmetalent als rhythmisches Beförderungsmittel seiner Kunst.

 

Wer sich dem Künstler Kurt Schwitters behutsam und offenen Geistes nähert, dem werden zwei Namen auffallen, die nur und ausschließlich mit ihm in Verbindung stehen: Merz und Anna Blume. Die aus dem Wort „Commerzbank“ herausgebrochene zweite Silbe wurde für seine plastische und Collagekunst prägend. Das Nonsensgedicht „an Anna Blume“, in mehreren Variationen niedergeschrieben, machte ihn, neben der „Ursonate“, berühmt: "Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe Dir!"

Schwitters war ein Schöpfer wunderbarer Wörter wie es etwa "Drahtfrühling" ist. Der Mann aus Hannover verschrieb sich nach seinem Besuch der Kunstakademie Dresden (1909-1914) einer unkonventionellen Kunsterrichtung – in Collagen, Skulpturen, Texten. Einen breiten Überblick über sein literarisches Schaffen – das von experimentellen „Merz-Geschichten“ bis hin zu konventionellen Zeitstücken reicht – liefert die in diesen Monaten erscheinende von Friedhelm Lachmann herausgegebene fünfbändige Taschenbuchausgabe. Sie folgt der fünfbändigen Ausgabe des DuMont Verlages der Jahre 1974-1981, die ebenfalls von Friedhelm Lach herausgegeben wurde. Bisher erschienen sind die Bände 1 (Lyrik), 3 (Prosa 1918-1930), 4 (Prosa 1931-1948). Im September folgt Band 5 (Schauspiele und Szenen) und schließlich im Oktober Band 2 (Manifest und kritische Prosa).

Kunst ist Rhythmus

Kunst sei nichts weiter als Rhythmus, hat Schwitters geäußert. Diesem Rhythmus ging er mit jedem Material zu Leibe, ob das Straßenbahnfahrscheine waren oder Ölfarbe, ob Holz- oder Bauklötze. Das Wort des Dichters nutzte er ebenso als rhythmisches Beförderungsmittel seiner Kunst.

Die phantasievolle Sorgfalt, mit der er seine Merz-Skulpturen fortbaute, verwandte er auch auf seine literarischen Texte: Kleine und große Schreibarbeiten entstanden, die beseelt sind von Schwitters’ obskuren, märchenhaft-traumhaften Sprachspielereien und dadaistischen Handlungen. Schwitters hat, ähnlich wie in seinen Merz-Bauten, mit seiner Dichtung klein- und großkalibrige Wortgebäude errichtet, manche sind möbliert mit Unsinn- und Nonsens, andere hat er mit erzählerischem Übermut und präziser Beschreibungswut innenarchitektonisch verschönert.

Der bildende Künstler Schwitters schuf durch seine Collagen und Assemblagen eine eigene bunte, auseinander geschnittene und wieder zusammen geklebte Alltagswelt. Ähnlich zusammengestückelt wirken manche seiner Texte, die wie die "Ursonate" immer noch nachwirken und viele andere Künstler inspiriert haben. Doch nur das Original ist original. Und so kommt die Schwitters-Gemeinde wieder einmal in den Genuss, nach Herzenslust in fünf dicken Büchern blättern zu können, sich festzulesen und so etwas erstaunliches wie das folgende zu finden:

"Meine süße Puppe,/Mir ist alles schnuppe,/Wenn ich meine Schnauze/Auf die Deine bautze."

Klaus Hübner


Kurt Schwitters: Das literarische Werk.
Herausgegeben von Friedhelm Lach.
dtv, München. Mai - Oktober 2005.
Band 1: Lyrik (ISBN 3-423-13321-X) 14,50 Euro;
Band 2: Prosa 1918-1930 (ISBN 3.423-13322-8), 18 Euro;
Band 3: Prosa 1931-1948 (ISBN 3-423-13323-6), 18 Euro;
Band 4: Schauspiele und Szenen (ISBN 3-423-13324-4), 18 Euro;
Band 5: Manifeste und kritische Prosa (ISBN 3-423-13325-2) 18 Euro (erscheint im Oktober 2005).

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