Christiane Neudecker: In der Stille ein Klang
01.12.2005
Klingender Alltag, klangvoller Alltag
Ein tinitusgeplagter Autogeräuschdesigner, der wegen seiner Arbeit gemeinsam mit seiner Familie nach Dubai auswandern muss und dort mit Frau, Kindern, Job und fremder Kultur überfordert ist, ein Junge, der sich in den Ruinen von Pompeji verläuft und fast von einem Wächter überfallen wird, eine junge Frau, die den Brustkrebsbefund konsequent ignoriert – Christiane Neudecker erschafft sprachlich außergewöhnliche, stille und fast alltägliche Welten, die durch die Verwebung mit dem Ungewöhnlichen leise erklingen.
Ein alter Mann lebt seit dem Tod seiner Frau in trister Alltäglichkeit, die eines Tages durchbrochen wird, als seine Nachbarin ihn bittet, etwas für sie in der Innenstadt zu erledigen. Plötzlich verspürt er wieder Lebenslust und beginnt, tägliche Fahrten in der U-Bahn zu unternehmen, um sich durch die Lebendigkeit der ihn umgebenden Menschen selbst wieder lebendig zu fühlen. Eine junge Frau muss, nachdem alle Therapien und Tabletten versagt haben, eine Behandlung in einer Sauerstoffkapsel über sich ergehen lassen, in der unnatürliche Druckverhältnisse erzeugt werden. Sie weigert sich, sich wie alle anderen zu verhalten, und die Schwestern und Ärzte verzweifeln fast an ihrem Widerstand, während sie aufgrund ihrer kratzbürstigen Krankheit fast resigniert.
Christiane Neudeckers Erzählungen – hier zwei von ihnen kurz angerissen – sind außergewöhnlich. Sie sind außergewöhnlich, weil sie von einem unglaublichen Einfalls-, einem großen Facettenreichtum und einem sensiblen Einfühlungsvermögen zeugen. Weil sie nicht die typischen Themen eines ersten Erzählbandes einer jungen Autorin aufgreifen. Und wenn sie dies tun, dann an einem ungewöhnlichen Ort, zu einer ungewöhnlichen Zeit. Und selbst wenn der Ort, die Zeit, das Thema gewöhnlich sind, ist es eines nie: ihre Sprache.
Dissonante Klänge
Christiane Neudecker schreibt, wie es der Titel ihres Erzählbandes verrät: "In der Stille ein Klang". Ihre Sprache ist ruhig, unsentimental und distanziert zum Geschehen, aber von einer Präsenz, einer scharfen Beobachtungsgabe und einer Lyrik, die tief in das Erzählte hineinführt, das eigentlich Wichtige aber immer nur erahnen lässt. So entstehen kleine Welten, die still daher kommen, in die sich aber ein häufig dissonanter Klang legt, der aufhorchen lässt, der von einer langen Schreiberfahrung spricht, der unprätentiös und so wenig rührselig ist, dass diese Erzählungen unvergleichbar sind.
Die einzige Kritik gilt dem Verlag: für ein Cover, das eher an einem Psychothriller als an diese ruhigen, lyrischen Erzählungen erinnert, und für eine Klebebindung, die sich bereits beim ersten Lesen in Luft auflöst. Schade, denn dieser Erzählband hätte mehr Aufmerksamkeit und eine liebevollere Ausstattung verdient.
Katharina Bendixen
Christiane Neudecker: In der Stille ein Klang.
Erzählungen.
Sammlung Luchterhand, 2005.
Taschenbuch, englisch broschiert. 239 Seiten. 9,00 Euro.
ISBN 3-630-62077-9