Guy Helminger: Etwas fehlt immer
08.01.2006
Zu wenig und zu viel
Guy Helminger, der hochgelobte Träger des 3Sat-Preises 2004 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, hat einen Erzählband vorgelegt, der sich mit verrückten Menschen einer namenlosen Großstadt beschäftigt.
Frank Perl, der von hinten an Passanten heranfährt und sie auf den Hinterkopf schlägt, eine merkwürdige Beziehung zu Blumen hat und „einen an der Klatsche“ außerdem, wie man in Klagenfurt trefflich feststellte, ist hier nur einer der Akteure in den insgesamt 18 Erzählungen des gebürtigen Luxemburgers Guy Helminger.
Einen an der Klatsche haben die Charaktere alle, das reicht von Felder, der Menschen verfolgt, um zu sehen wie diese darauf reagieren, und der seine Beobachtungen in Notizheften einträgt, über eine Familie, die die Schauspielerin Verena verfolgt, bis zu einem wie Rino Polokatt, der Handlungen begeht, die er sich nicht vornimmt, die dann aber trotzdem geschehen: Er nimmt einen vor der Metzgerei angebundenen Golden Retriever mit, um ihn zu Hause an der Decke aufzuhängen, ihn mit einem Luftgewehr zu beschießen und sein Jaulen auf Band aufzunehmen. Oder nehmen wir einmal Leo Flamm, der auf dem Friedhof arbeitet und im Park wohnt: Eines Abends nimmt er eine fremde Frau aus dem Supermarkt mit nach Hause, die von seinem Rottweiler am nächsten Morgen tot gebissen wird.
Schreien, Entsetzen? Nichts von alledem. Denn was bei der Lektüre der Geschichten besonders auffällt, sind die völlig unangemessenen Handlungen und Reaktionen der Charaktere, denen offenbar etwas fehlt. Aber was?
Über menschliche Leere
Helminger versucht, eine menschliche Leere literarisch zu verarbeiten, die ganz großstadttypisch ist und gemeinhin durch soziale Kälte, Vereinzelung und Entfremdung ideale Wachstumsbedingungen findet und eine Vielzahl konkreter Phänomene zeitigt. Hier werden diese Phänomene literarisch ausgedeutet: Geschichten über Fremdheit, menschliche Verarmung, die immer wieder zu menschlichen Handlungen und Reaktionsweisen führen, die inakzeptabel sind und als unmenschlich bezeichnet werden können, obgleich sie Ausdruck einer menschlichen Gesellschaft sind.
Kann man die konkreten Störungen in den einzelnen Geschichten klar ausmachen, bleiben die Motive der Figuren aber gänzlich im Dunkeln: Was genau den Figuren fehlt, kann man nicht sagen, dafür meint man es aber zu spüren. Wir wissen ja schon lange: Gute Literatur lebt von Emotionen, und zu spüren, was den Figuren fehlt, was sich intellektuell nicht erschließt, darauf zielen Helmingers Texte ab. Solchermaßen funktionieren diese Texte gut, doch neben dem Spüren und Erleben menschlicher Desiderate, die die Geschichten wie mit Treibstoff antreiben, hat man doch immer wieder das unbestimmte Gefühl, dass sich zu viel nicht auflöst, vieles (allzu viel) ungesagt zurückbleibt, was doch noch hätte (unbedingt!) gesagt werden müssen. Gibt es (allzu oft) den Fall, dass zuviel Überflüssiges gesagt wird, ist es hier doch genau umgekehrt.
Um es klipp und klar zu sagen: Der Leser bleibt allzu melancholisch zurück, teils weil die Geschichten traurig machen (das sollen sie ruhig!), teils aber weil hier einfach zu viel offen bleibt und Helminger sich den Vorwurf gefallen lassen muss, dass er sich zu wenig um den Leser gekümmert hat. Daneben bleibt natürlich die Unruhe, die einen beschleicht, weil die beschriebenen Charaktere in den Großstädten tatsächlich unter uns leben könnten. Ein Wort noch zu den teils exzessiv gebrauchten Lichtmetaphern: Wird einerseits zu wenig gesagt, verhält es sich im Reich der Metaphern genau umgekehrt: Sie begleiten den Leser umbarmherzig durch die Texte, gnadenlos macht der Autor von ihnen Gebrauch, und die Erfahrung zeigt, dass sie, obwohl sie zum Ende hin etwas reduziert sind, gehörig im Magen grummeln. Hier hat der Autor des Guten zuviel getan, aber, wie sagt auch wieder der Volksmund: Allen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kan(n).
Frank Kaufmann
Guy Helminger: Etwas fehlt immer. Erzählungen. Suhrkamp 2005, 271 S., 19,80 Euro. ISBN 3-518-41708-8