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Gert Hofmann: Zur Phänomenologie des Snobs

23.02.2006


Der Geist zuckt mit den Achseln

Eine stille, erstaunliche Entdeckung: Gert Hofmanns frühe Erzählungen beschreiben, wie die Zeit vergeht und wenig passiert – außer dem Leben

 

Mit dem Nachwort zu beginnen, ist das Dümmste, was ein Leser tun kann. Aber wenn ein Autor so verschwiegen lebte und weitgehend unbekannt geblieben ist, und der Autor des Nachworts sein Freund und Verleger ist, siegt die Neugierde. Der Plan des Verlegers Michael Krüger lautet, seinen Autor wieder einzuschmuggeln ins Gespräch über Literatur. „Warum sollte er sich Gert Hofmann nicht am Tisch von Kafka und Walser niederlassen?“ Die Namen lasten, eigentlich ist das zu viel Gepäck – die Lektüre aber hält dem Maßstab stand.

Der schmale Band versammelt verstreute, vor allem frühe Texte Hofmanns. Rein äußerlich spiegelt sich das im Milieu: Bevor Hofmann sich 1979 in der Nähe Münchens niederließ, um bis zu seinem Tod 1993 nicht weniger als 17 Romane zu schreiben (einzig Der Kinoerzähler wurde ein Publikumserfolg), hatte er nach seiner Dissertation über Henry James als Universitätsdozent gearbeitet. Als Protagonisten tauchen denn auch auf: ein dicklicher Lektor auf Diät, ein Student, der seine Arbeit als Bierkutscher verliert, weil er sich lieber betrinkt, ein Gymnasiast, der im Gefängnis sitzt. Was diese Geschichten eint, ist, dass in ihnen die Zeit vergeht und wenig passiert – außer dem Leben.

Geschichten aus zweiter Hand

Meistens gehorchen sie einer bewussten Beschränkung: ein Ich-Erzähler notiert, was andere ihm erzählen. Es sind Geschichten aus zweiter Hand, die nie das Ganze, aber immer das Ganze einer Wahrnehmung geben wollen. Hofmann folgt der Maxime des von ihm bewunderten Henry James: „Statt die Taten und Worte eines Menschen zu zeigen, sollte man sein Bewußtsein zeigen.“ Das gelingt nicht immer so raffiniert wie beim Selbstmörder, der seinen Plan als Witz maskiert, geschieht aber immer höchst formbewusst. Hofmanns Kunst bestand im Weglassen. „Wenn ich einen Satz schreibe, schicke ich fünf andere voraus und lasse sie als selbstverständlich oder aus Platzmangel weg“, heißt es im Tagebuch. Diese Mühe ist nicht zu spüren, die Sätze gleiten elegant selbst über Abgründe. „Man muss zum mindesten auf einem Auge blind sein, um sich einen Weg durch den Tag zu finden“, ist so ein Satz, in einem anderen ist die Rede vom „Achselzucken, das der Geist von jeher für das Leben übrig gehabt hat“.

Hofmann hat diese Pole höflich, fast diskret umschrieben, und diese Höflichkeit zeigt sich auch da, wo er sich vom Hauptstrom der deutschen Literatur distanziert, ohne polemisch zu werden, ohne Namen zu nennen. Nietzsche fand, dass die Kunst, „an einer Seite Prosa wie an einer Bildsäule“ zu arbeiten, nicht eben eine deutsche sei. Gert Hofmann zählt zu den Ausnahmen.

Jens Poggenpohl


Gert Hofmann: Zur Phänomenologie des Snobs. Erzählungen. Broschiert. Hanser Verlag 2005. 146 Seiten. 14,90 Euro. ISBN 3-446-20613-2

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