Ray Bradbury: Schneller als das Auge
26.06.2006
Wie aus einer anderen Welt
Bücher können einen fesseln, beschäftigen, um den Schlaf bringen und: sie können einfach nur riesigen Spaß machen. Genau das ist bei den 21 Erzählungen „Schneller als das Auge“ von Ray Bradbury der Fall.
Gelesen hat man die literarischen Petit Fours schneller als einem lieb ist, aber jede hinterlässt einen bleibenden und überaus liebenswerten Eindruck: lebendig, skurril, schräg, absurd, irgendwie aus einer anderen Welt kommen die Geschichten. Fantastisch erzählt, hinreißend erdacht und mit viel Charme, Komik, Ironie, manchmal auch Wehmut geboren. Ein ganz, ganz großer Erzähler, der das Leben kennt, es liebt und mit allen Höhen und Tiefen schätzt!
„Dieser Abend ist der reinste Wahnsinn!“ denkt der Ich- Erzähler der Titel gebenden Geschichte. Zusammen mit seiner Frau besucht er eine Zaubervorführung, in der Miss Quick, „die einzige Taschendiebin der Welt“, mit diebischer Freude eine ganze Schar freiwilliger Männer mit flinken Fingern um dies und das erleichtert. „Wenn ich zwei Hände sah, dann sah ich neun. Ihre Hände, ein ganzes Vogelhaus, flogen, scharrten, klopften, schwebten, kosteten, kreisten, kitzelten....“ Der Mann sieht plötzlich sein alter Ego mitten unter den derart ausgenommenen Männern auf der Bühne stehen, hilflos, der Lächerlichkeit und einem sich auf die Schenkel schlagenden Publikum preisgegeben. „Ich glaube, da steht ein Mann, der mir irgendwie ähnlich sieht.“ sagt er zu seiner Frau und sie antwortet: „Das bist du!... Dein Zwillingsbruder, absolut!“ Angst, Scham, Fassungslosigkeit überkommen ihn, aber auch Eitelkeit: „Ich habe nicht gewusst, dass ich so gut aussehe...Ist meine Haut so frisch und ansehnlich, mein Kinn so fest?“
Überschäumende Erzählkunst
Es sind Menschen in ganz besonderen Situationen, die Ray Bradbury skizziert: das kann eine völlig groteske Situation sein, wie bei den alten Eheleuten, die sich auf raffinierteste und perfideste Weise umbringen wollen. „Joshua Enderby wachte mitten in der Nacht auf, weil er fremde Finger an seinem Hals spürte“ - die seiner ‚rachitischen, gelbsüchtigen fünfundachtzigjährigen Frau’. Was für ein rabenschwarzer Humor! „Rasierapparat in der Badewanne?...Nicht schlecht, nicht schlecht.“ Ist es tatsächlich Hass oder nur der verzweifelte Versuch, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, weil man ohne den geliebten Partner nicht weiterleben kann? „Was haben wir denn von all unseren Mühen, all den Versuchen, den anderen aus dem Weg zu räumen, wenn am Ende doch nur einer von uns am Galgen baumelt oder auf dem elektrischen Stuhl brutzelt?“Da werden Dick und Doof wieder lebendig und ein Mann lauscht den Vogelstimmen, schreibt daraus ein Konzert. „Einen Monat später erlebten die „siebenundvierzig Elstern ihre Uraufführung durch die Glendale Chamber Symphony.“ Was wäre, so die Frage in einer anderen Geschichte, wenn Städte wie San Francisco ‚nicht zufällig genau an diesen Stellen erbaut wurden’? „Wenn ich dir sage, dass wir sie mit Absicht dort geplant und erbaut haben, damit sie zerstört werden?“Bradburys überschäumende Erzähllust dokumentiert sich letztlich in seinem Nachwort. „Nicht ich schreibe diese Geschichten, sie schreiben mich“ gesteht er und animiert den Leser, es ihm gleich zu tun: „Wagen Sie den schnellen Sprung an ihre Schreibmaschine, das ist eine sichere Abhilfe gegen ... den unausweichlichen Tod. Verlieren Sie keine Zeit. Leben Sie.“
Barbara Wegmann
Ray Bradbury: Schneller als das Auge. Erzählungen. Diogenes, 320 S., 19,90 Euro. ISBN: 3257065140