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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:18

 

Josef Haslinger: Zugvögel

26.06.2006

Odysseus über den Wolken

Mit dem Polit-Thriller „Opernball“ landete Josef Haslinger 1995 einen spektakulären Erfolg, drei Jahre später wurde das Buch fürs Fernsehen verfilmt. In „Zugvögel“ nimmt der gebürtige Niederösterreicher, der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig unterrichtet, den Leser mit in die Kirschbaumkronen der österreichischen Provinz und die sonnenfreien Darmwindungen von New Yorks Metro.

 

Gleich vorweg: Die Erzählsammlung ist von recht unterschiedlicher Qualität. Sie vereinigt eigens geschriebene Texte mit solchen, die vor gut zehn Jahren in anderen Medien erschienen. Die Schauplätze sind über Europa und Amerika verstreut, es sind Orte, die Haslinger selbst bereist hat. Man tut nicht fehl daran, den Titelnachsatz der letzten Erzählung „amerika. ein reiseepos“ auf die ganze Sammlung auszudehnen.
Diese letzte Erzählung sticht aus den realistisch gestalteten Texten mit ihrem schelmischen Unterton hervor. Thomas Manns Definition des Dichters als verdächtiges Subjekt kommt in den Sinn, wie überhaupt die Erzählung eine Felix Krull’sche Atmosphäre erzeugt. Josef, ein nach dem Autor benannter und ihm auch optisch nachgebildeter Ich-Erzähler, startet eine Lesereise durch die USA, an deren außerplanmäßigem Ende er unter falschem Namen und mit zigtausend Inlandsflugmeilen am Buckel wieder am Boden landet. Georg Forsters (wie er sich nun nennt) Irrfahrt durch Amerikas erinnert strukturell an Homers „Odyssee“; in der Stratosphäre mäandernd, begegnet er Kirke, die hier schwarz und Stewardess ist.

Kirke in Uniform

Schlussendlich kehrt er an seinen Ausgangspunkt zurück, bereichert um die Erfahrung, dass die Freiheit über den Wolken auf dem amerikanischen Erdboden keine Entsprechung hat. Es ist dies eine lustig zu lesende, teilweise in Rap-Versen ausgetragene Auseinandersetzung mit dem „gelobten Land“ Amerika, das in Haslingers Schaffen allgemein eine wichtige Rolle spielt.
Das Motiv der Reise ist auch in anderen Erzählungen zentral. Der ferne Ort ist hier Gegenlager zur heimatlichen Enge, wo der eigenen (Kriegs-)Geschichte nicht zu entkommen ist. Deshalb sucht in der Titelerzählung die Kroatin Mirjana nach dem Zerfall Ex-Jugoslawiens in Kanada ein neues Zuhause. Sie ist wie ein Zugvogel, der periodisch sein bekanntes Quartier, die Heimat ansteuert. „Ich bin ein Gefangener unserer Geschichte“, heißt es an anderer Stelle. Bedenkt man, dass der Reisende in „amerika. ein reiseepos“ den selben Namen trägt wie der bekannte Völkerkundler und Naturforscher Georg Forster, gewinnt diese Erzählung noch an Reiz und Komplexität. Der historische Georg Forster protokollierte in „A Voyage Round the World“ einem Gründungstext der wissenschaftlich fundierten Reiseliteratur, seine Weltumsegelung an Bord des Schiffes von James Cook.

Leichen im Keller

Die gelungenen Erzählungen des Bandes weisen solche narrativen Tiefenschichten auf, wenngleich sie, und das ist bezeichnend für Haslingers klaren Stil, auch einfach als gute Storys gelesen werden können. Als ein Archäologe der Untaten der österreichischen Zwischen- und Nachkriegszeit betätigt sich Haslinger in „Fiona und Ferdinand“. Er schickt sein literarisches Alter Ego heim ins Waldviertel, um sich als Schlichter in einem Dorfstreit zu bewähren, der sich um einen Jahrzehnte zurückliegenden Mordfall entzündet hat. Geschichte vergeht nicht, könnte man interpretieren. Das österreichische Erdreich birgt Leichen, die, obzwar tot, ein Nachleben führen. Hier wird Haslinger ganz deutlich als politischer Autor fassbar. Vergangenheit wird nicht bewältigt, aber beschrieben.
Ingesamt hinterlässt die Sammlung einen zwiespältigen Eindruck. Man liest sie gerne, diese gekonnt erzählten Geschichten, deren manche sprachlich allerdings etwas uninspiriert daherkommt. Egal, ein Meister der unvermuteten Wendungen und ein lesenswerter Erzähler ist Haslinger allemal.

Kristina Werndl


Josef Haslinger: Zugvögel. S. Fischer Verlag, 203 Seiten. 18,90 Euro. ISBN: 3100300572

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