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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:18

 

Maarten `t Hart: Das Pferd, das den Bussard jagte

19.02.2004

Panoptikum skurriler Geschichten

Man kennt ihn als wortgewaltigen Romancier; als einen Chronisten des immer auch religiös geprägten Lebens zwischen Maasluis und Leiden – dort wo See und Land ineinander fließen. Nun gibt es von Maarten `t Hart eine kleine Auswahl aus über zweihundert Geschichten, die er zwischen den Siebzigern und Heute geschrieben hat: Kostproben seines Könnens, Beweise seines Talents.

 

Eigentlich hat der Junge seinen ersten Ferientag. Eigentlich sollte er nicht mit. Doch o­nkel Klaas, bei dem man anfängt zu stottern, wenn man ihn nur anblickt, lässt sich nicht abschütteln. Und der Junge muss mit, muss sich mit auf das Lieferfahrrad von o­nkel Klaas setzen und hinaus geht es in die Kälte. Denn wenn der Junge dabei ist, sind die Leute weniger skeptisch. Wenn er daneben steht, glauben sie eher, was ihnen o­nkel Klaas über den Zustand – den selbstverständlich erbärmlichen Zustand – ihres Harmoniums zu berichten hat. Dabei wollten sie das gute alte Stück, auf dem sich noch immer so ergreifend Psalmen wie „Ich möchte sein wie Jesus“ spielen lassen und das leider leider nur noch im Wege steht, gegen gute Gulden verkaufen. Doch Klaas schüttelt den Kopf. Brennholz, zu mehr tauge das Stück nicht. Da sei nichts zu machen. Wenn man aber umgekehrt ihm ein paar Gulden geben würde, dann, ja dann würde er die Mühe auf sich nehmen und das alte, untaugliche, selbstverständlich durch und durch wurmstichige Musikinstrument entfernen. Und der Junge steht da und staunt. Staunt über das Geschick und die Dreistigkeit des o­nkels. Staunt über die erst ohnmächtige Wut der Leute und wie sich diese auf wundersame Weise verwandelt in Dankbarkeit. Aber wie kann es sein, dass einer, der an Gott glaubt, die gottesfürchtige Mitmenschen so schamlos betrügt – und wie kann es sein, dass sich diese Menschen so bereitwillig betrügen lassen?

Die Geschichte „Der Handel“ ist eine ganz typische Geschichte aus dem Erzählband „Das Pferd, das den Bussard jagte.“ Wieder einmal ist `t Hart zurück gekehrt in die Welt seiner Kindheit und das ist die Welt der zahlreichen kleinen und kleinsten Gruppen und Grüppchen, bestehend aus den Evangelisch-Reformierten, den Katholiken, den Baptisten und den Selbstständig-Freireformierten. Es sind kleine und immer packende Extrakte über den Glauben und das Misstrauen; Expeditionen in ein scheinbar geschlossenes Gemeindeleben, dass bei näherer Betrachtung sich auf splittert in ein Panoptikum durch und durch skurriler Personen. Da ist der neue Pfarrer, der Rennrad fährt, die Haustür meidet und durchs Fenster ein- und ausgeht, das auch von seinen Besuchern verlangt und auch sonst allerlei Rätsel aufgibt. Da ist der bibelfeste Vater, der sich mit den Kirchenältesten ein Rededuell bis hart an der Grenze zur Schlägerei liefert, als diese ihn zu regelmäßigem Kirchenbesuch ermahnen wollen. Und da ist wieder das Kind, dass in der Kirchenbank sitzt und geduldig darauf wartet, dass ihm sein Sitznachbar so wie jeden Sonntag das Pfefferminzbonbon reicht; nur läuft er mit einem mal so blau an und sinkt zu Boden – und wo ist er jetzt hin und wozu braucht der noch das Bonbon?

Schnurstracks erzählt Maarten ´t Hart diese Geschichten; gradlinig von eins bis hundert, lässt sich nicht zu überflüssigen Nebensträngen hinreißen; lässt sich nicht auf unnötige Nebenschauplätze abdrängen, wenn allein die Handlung den Erzählfluss leitet. Der Blick des Kinder bündelt dabei immer wieder die Eindrücke, sorgt für eine schlichte und präzise Sprache und hält das Geschilderte frei von Manierismen. Und so zeigt der Niederländer wie nebenher wie man mit leichter Hand eine Forderung erfüllt, die gerade in unseren medial so gesättigten und von Effekten gezeichneten Zeiten immer wieder gestellt wird: Bei allem Wortschatz, bei allem Wortwitz, bei allen Formulierungskünsten – vertraue einfach der Geschichte, die du erzählen willst.

Textauszug:

„Nie zuvor in meinem Leben hatten morgens so oft Eisblumen an den Fenstern für dieses ruhige blaue Licht im Wohnzimmer gesorgt. Nie zuvor hatte mein Vater ein Grab mit der Spitzhacke graben müssen. Er sagte immer: „ Wenn es erst bloß wieder schneit, denn: Schnee drauf, taut in drei Tagen der Boden auf.“ Er spürte den Schnee schon in seinem Hühnerauge, aber draußen wollte kein Schnee fallen, obwohl er darum betete. Jeden Tag ging die Sonne an einem wolkenlosen, silberblauen Himmel auf. Wenn ich abends meinen Pullover auszog, knisterte er nicht nur, sondern in seinen Falten sprühten und funkelten auch Blitze.“


Frank Keil-Behrens



Maarten `t Hart: Das Pferd, das den Bussard jagte. Erzählungen. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg. Arche, Hamburg-Zürich, 316 Seiten, 19,90 ¤. ISBN 3-7160-2295-0

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