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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:18

 

John von Düffel: Hotel Angst

18.07.2006


Ein Roman, der nie geschrieben wurde

John von Düffel schickt seinen Protagonisten nach Italien, auf die Spuren seiner Kindheit

 

Zugegeben: Die Erzählperspektive, die John von Düffel diesmal wählt, ist gewöhnungsbedürftig. Dass er sich bzw. seinen Protagonisten – und damit auch die Leser – mit "du" vermeintlich anspricht, wirkt, nachdem man den optischen sehr ansprechend gestalteten Band in die Hand genommen hat, zu Beginn des Textes wie eine (Euphorie-) Bremse. Schließlich geht einem dieses ‚rumgeduze’ in der Welt sowieso schon sehr auf die Nerven. Und außerdem: "Du bist seit Jahrzehnten nicht mehr nach Italien gereist..." – das stimmt doch gar nicht.
Man selbst muss sich also erst einmal von dieser Ansprache distanzieren und darf sie wohl als eine (teil-)fiktionalisierte Selbstansprache des Autors lesen. Dann aber sollte es einem gelingen, dem Protagonisten auf seiner Italienreise zu folgen, die er als Erwachsener auf den Spuren seiner Kindheit zurücklegt.

Bewältigung der Trauer

Die Reise an die Riviera dient der Bewältigung der Trauer über den gerade verstorbenen Vater. Der Protagonist kehrt zurück an den Ort in Italien, wo sein Vater regelmäßig im Sommerurlaub zu ungeahntem Leben erblüht ist, wo er, der Statiker, dem Traum von der Neueröffnung, von der Renovierung des alten, ehemals prachtvollen und nun heruntergekommenen "Hotel Angst" nach eigenen Plänen nachging. Düffel verwebt dabei eigene Erlebnisse und die reale Geschichte um die Entstehung des Hotels Angst in Bordighera (siehe Buch Cover) mit den Elementen einer Familiengeschichte.

Letztendlich scheiterte der Vater; sein Freund, der Finanzier, bevorzugte ein lukrativeres Ausbaumodell, der Vater aber will an seinem perfekten Plan festhalten. Warum? Und warum setzt der alte Freund seine wirtschaftlich bessere Idee nicht einfach ohne den Vater um? Eine Begegnung zwischen dem Sohn und dem Freund des Vaters bringt letztendlich Klärung – und die Gewissheit, wie wenig sich Vater und Sohn letztendlich gekannt haben, auch wenn sie sich gut verstanden haben.

Zugleich wird die Auseinandersetzung mit dem Hotel mit sprechendem Namen durch Ereignisse, die erst am Ende des Textes verdeutlicht werden und die hier nicht vorweggenommen werden sollen, zur Versinnbildlichung für das zu schreibende Buch und die immer wieder anstehende Entscheidung eines Autors, seinen möglicherweise wohlkonstruierten Plan auch wirklich in die Tat umzusetzen, oder es doch lieber bei der 'reinen' Planung zu belassen und diese nicht mit der immer auch unvollkommen verbleibenden Ausführung zu verderben. Kurz: die Angst des Autors vor dem Schreiben des Textes ist diesem Text mit eingeschrieben. So ist Düffels "Hotel Angst" am Ende (etwas paradox anmutend) auch eine lange Erzählung über einen Roman, der nie geschrieben wurde.

Olaf Selg


John von Düffel: Hotel Angst.
Erzählung. DuMont Speicher. 2006.
108 Seiten, geb. ¤ 7,50
ISBN 3832179577.

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