John Griesemer: Roy auf dem Dach
07.08.2006
Die Eigenart des Alltäglichen
John Griesemer erzählt mit ruhiger Stimme von den Lebensentwürfen einer Handvoll Menschen, von ihren merkwürdigen Erfahrungen und Begegnungen und ihrer geduldigen Sehnsucht danach, dass einfach etwas Schönes passiert.
Roy Romney sitzt auf dem Dach eines Hauses, irgendwo in einem kleinen Dorf, irgendwo in Neuengland und wartet einfach ab. Roy Romney hat ein „Talent für das nicht ganz perfekte Verbrechen“ entwickelt, zuletzt klaute er das Auto der Mutter des Dorfpolizisten Pork, der sich nun am Sims des Daches an ein Abflussrohr klammert, vollgeschmiert mit „halb matter blauer Mansardenfarbe“, die Roy ihm übergeschüttet hat. Pork blickt „zu den Hügeln auf der anderen Seite des Flusses hinüber. Sie waren zartgrün. Es war vollkommen ruhig. Er steckte seine Pistole ins Halfter.“
Skurriler kann man eine Szene kaum bauen. Skurril und gleichzeitig so zwangsläufig in ihrem Ablauf, so logisch, so normal.
John Griesemer hat viele eigenartige Figuren in sein Kabinett aufgenommen und präsentiert sie in elf Storys in dem Band „Roy auf dem Dach“. Ein Fahrer bei einer Flüssiggasfirma. Ein Ehepaar, das sich mit der Lippenspalte ihres Neugeborenen beschäftigt. Ein Mann, der den größten Teil eines Jahres damit zugebracht hat, „die Kanalschächte am Dealey Plaza unter die Lupe zu nehmen“, auf der Suche nach den möglichen zweiten, dritten oder auch siebten Todesschützen JF Kennedy’s.
Jeder von ihnen „bloß ein Typ, der seinen Weg machen wollte.“ Und alle ein bisschen wie die Figur aus der Geschichte „Das Haus am Meer“: „liebenswürdig, versöhnlich, fügsam“ und „wie betäubt.“
Von Patzern und Schnitzern
Ihnen widerfahren Dinge, die ihr Leben durcheinander bringen. Der Kumpel, der beim Joggen von Wespen gestochen wird und stirbt. Der erwachsene Sohn, der plötzlich, nach Jahren ohne Kontakt, vor der Tür steht, Geld will und das Auto klaut. Ein Skateboardfahrer, der in ein Schaufenster kracht.
Griesemer erzählt ruhig und schlicht. Er berichtet von kleinen, tragischen Momenten. Wie in der kurzen Geschichte „Schwung“. Ein Junge wirft ein Buch nach einem anderen Kind. Der Vater will, dass er sich hinsetzt und darüber nachdenkt, „dass man nichts durch die Gegend wirft“. Er packt den Jungen am Handgelenk und stößt ihn zu einer Treppenstufe; mit Schwung. Der Junge „konnte die Wucht des Stoßes nicht bremsen und schlug mit dem Hinterkopf auf die Kante der Stufe. Einen kurzen Augenblick schien der Junge vor Überraschung zu erstarren. Der Vater reagierte auf seine Art genauso. Sie blickten sich in die Augen, dann sanken beide zusammen: der Junge mit nach links hängendem Kopf und sich schließenden Augenlidern, der Vater, um das Kind in die Arme zu schließen.“
Mit zurückgehaltener Poesie erzählt John Griesemer von der Schwierigkeit, ein einfaches Leben zu führen. Von den „Patzer und Schnitzern“. Vom Schicksal, das sich nicht ankündigt, keinen Lärm macht, nicht erklärt, warum oder was zu tun ist: „Ursache und Wirkung, Wirkung und eine Ursache oder alles reiner Zufall.“
Die Poesie der Ungewissheit
Er erzählt von den äußeren Dingen und von den Dingen im Inneren. Vom Scheitern an den eigenen Vorstellungen, jenen kleinen, hartnäckigen, unbestimmten Wünschen, der Idee, dass es doch irgendwie anders sein müsste. Es ist vor allem die Sehnsucht nach irgendwas anderem, die die Figuren unsicher macht, rastlos, unzufrieden, ohne dass sie genau sagen könnten, warum.
Und dann wiederum scheint es gerade jenes Ungewisse zu sein, indem die Poesie des Ganzen liegt: „Er wusste, dass er die ganze Nacht darüber nachdenken würde, wo der Ort war, an dem er sein sollte, wie er dort hingelangte und wann er nach dem Sturm aufbrechen sollte.“
Ariane Arndt
John Griesemer: Roy auf dem Dach. Storys. Übersetzt von Thomas Gunkel. Mare Buchverlag 2006. 226 Seiten. 22,90 Euro. ISBN: 3-936384-96-7