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Denis Johnson: In der Hölle

03.09.2006

Unter Drogen in Afrika

Denis Johnson befindet sich seit den 1970ern als innovativer Gechichtenerzähler im Bewusstsein der amerikanischen Literaturöffentlichkeit und lebt mittlerweile ein recht beschauliches Akademikerleben in Idaho. Als Journalist reiste er Anfang der 1990er nach Somalia und Liberia und hielt seine Erfahrungen in drei Stücken fest.

 

Die Hölle, die der Titel etwas reißerisch ankündigt, nicht ohne mit dem Untertitel – Blicke in den Abgrund der Welt – die obligatorische Joseph Conrad-Referenz gleich auf der allerersten Seite des Buches unterzubringen, als sei sie unvermeidlich (was sie wohl tatsächlich ist) – diese Hölle ist seine, Johnsons, den das Vorwort als rekonvaleszenten Drogen- und Alkoholsüchtigen in der bunten Tradition eines Timothy Leary zeichnet. Als Drogenexkurse gehen seine Berichte freilich nicht durch, auch wenn er selten weiß, wo er gerade ist, was er tut und von wem sein Schicksal abhängt – die Perspektive wechselt zwischen mehr investigativ-journalistischen Passagen mit einem recht stabilen „Ich“ und solchen, in denen er in die dritte Person wechselt, um so das Geschehen experimentell in eine Fiktion zu schreiben. Seine beiläufigen Hinweise auf die Unsicherheit seiner Quellen – Erinnerungen sind verwischt, Tonbandaufnahmen unverständlich, Notizen hastig angefertigt – fiktionalisieren seine Berichte noch nachhaltiger und entziehem dem Buch eine aufklärerische Agenda. Die politischen Hintergründe der frühen 1990er werden sowieso vorausgesetzt. Zwei seiner Berichte spielen in Liberia (wo sich mit Charles Taylor gerade, wie sich heraus stellen sollte, ein massenmordender Diktator einen bewaffneten Weg an die Macht erkämpfte), ein anderer in Somalia (wo seit der 1991 erfolgten Absetzung des Langzeit-Diktators Siad Barrés keine nationale Regierung mehr zustande kam, massiven UN-Einsätzen zum Trotz).

Post-Apokalypse am Horn

Die Apokalypse ist, wo er auch hinkommt, schon passiert oder würgt sich gerade durch ihre letzten Zuckungen. Monrovia im Westen des Kontinents und Mogadishu im Osten sind die beiden Pfosten, auf die sich die Geschichte der Zerstörung spannt, und beide Städte wirken in seinen Reportagen wie Einschlagsorte einer Nuklearwaffe – zerbombt, ausgeblutet und ganz und gar verhungert, sieht man von den Hunden ab, die in den Straßen die Leichen fressen und dabei fett werden: nichts funktioniert, die zivile Infratstruktur hat reichlich Löcher und Fallen, einschließlich der Krankenhäuser, die ihren Namen auch nur noch tragen, weil in ihnen eine Erinnerung an Gesundheit steckt.

Das Scheitern der groß angelegten "Operation Hoffnung", mit der die UN 1992 30.000 Soldaten nach Somalia verlegte, um zuerst die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zu sichern, war eine der großen Tragödien der 1990er – hier sieht man nur noch ihren Abspann; als Johnson im Februar 1995 das Land bereist, sind die letzten US Marines gerade im Rückzug begriffen und überlassen das Land sich selbst.
Zur gleichen Zeit war der Bürgerkrieg in Liberia in seinen letzten Zügen, und der erst vor wenigen Wochen, im Juni 2006, nach Den Haag (wo sein Fall vor einem Sondergerichtshof verhandelt werden wird) überstellte Charles Taylor stand kurz vor Übernahme des Präsidentenamtes.

In Die Kindergarde, der längsten und intensivsten der hier versammelten Reportagen, erfüllt sich dann die auf dem Titel verheißene Motivik, und nach einer wochenlangen Irrfahrt von der Elfenbeinküste nach und durch Liberia, trifft der Autor mit Charles Taylor zusammen, der es offensichtlich gerne bequem hat: „Präsident Taylor saß mit ausgestreckten Beinen auf einem Liegestuhl. Er trug einen blaugrauen Jogginganzug.“ Der Höhepunkt ist ein absurder und erinnert in seiner Trivialität – Johnson musste recht viel auf sich nehmen, um diesen alternden Mann im Jogginganzug endlich zu treffen – daran, dass hier kein Drama zu lesen ist. Die Realität kann doch sehr prosaisch sein, auch wenn Taylor schon zu diesem Zeitpunkt grausam viel Blut an seinen Händen klebte – was Johnson nicht wissen konnte. Seine selbstauferlegte Neutralität, sein Journalistenethos, wenn man so will, ist zu diesem Zeitpunkt ohnehin zerbröckelt unter der Erkenntnis, dass er schlicht nicht die Fähigkeiten besitzt, um sich in dieser Umgebung wirklich zuverlässige, harte Fakten zu verschaffen.
Der Kontinent hat ihn geschafft und einen Stück weit seinen Geist gebrochen, und diesen Bruch erzählt er hier. Man fragt sich, ob irgendetwas an dieser Reaktion unvermeidlich ist oder ob Johnson einfach eine Geschichte auf seine Art erzählen wollte, die seit mindestens 100 Jahren im kulturellen Gedächntnis des Westens vorhanden ist.

Daniel J. Gall


Denis Johnson: In der Hölle. Tropen Verlag 2006. 192 Seiten. 18,80 Euro. ISBN: 3-932170-90-3

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