Hat man Kaminers neuen Erzählband Helden des Alltags gelesen und will man davon erzählen (wie es nämlich war, das Lesen), so ertappt man sich dabei, das man sogleich zitieren will. Ein, zwei Sätze will man abtippen - und kann nicht aufhören. Damit ist schon das Erzählprinzip des Wladimir Kaminer beschrieben: Einer geht los, erlebt und beobachtet etwas, erzählt es so, wie er es erlebt und beobachtet hat und erlebt und beobachtet dabei schon wieder Neues, dass mitgeteilt werden will. Und wir schauen ihm begierig über die Schulter, in bester Zuhörlaune und sogleich voller Dankbarkeit, dass einer für uns komplexe Lebensabschnitte in wenige, kompakte Sätze bannen kann, wo wir uns selbst hilflos in den Wörtern verlieren und nicht zum Ende finden würden. Etwa: Was macht man, wenn die Mutter zu Besuch kommt und einem eigentlich nur klarmachen will, dass man sich kaum versorgen kann. Oder: Was tun, wenn vor der Haustür ein Geschäft namens "Knüllerkiste - die ganze Welt für 99 Pfennig" eröffnet. Auch: Was unterscheidet lustige von unlustigen Menschen. Fragen, die nicht unbedingt lebenswichtig, aber deren Antworten jeweils lebensbejahend sein können.
Scheinbar absichtslos streift der Autor durch sein Berlin (links und rechts der Schönhauser Allee also), besucht Freunde, wird von Freunden besucht, lässt uns teilhaben an seinem Familienleben - ohne dass es je unangemessen persönlich wird. Anekdote folgt auf Anekdote; meist nicht mehr als zwei bis drei Seiten lang. Menschen, die kämpfen - Menschen in Sibirien - Menschen am Feuer. Titel, die verraten: Hier geht es um ewige Themen und große Fragen, denen man nur mit gebotener Ironie und zurückhaltendem Witz begegnen darf. Zugleich wird deutlich, welche Kräfte in dem Schreibenden walten und schalten: sich heimisch zu fühlen und doch offen für Fremdes, Ungewohntes zu bleiben. Zu staunen und sich nicht vom Staunen blenden zu lassen. Gelassen noch die merkwürdigsten Handlungen unserer Mitmenschen wahrnehmen und sich selbst nicht davon auszunehmen. In diesem Sinne ist Wladimir Kaminer ein Heimatschriftsteller; einer, der seine Umgebung liebevoll spiegelt, dessen Bewohner schätzt und der es auf sich nimmt, immer wieder einen Schritt beiseite zu treten, ohne sich je ganz aus dem Innenkreis zu entfernen. Dass er hierzulande so erfolgreich und zugleich so beliebt ist (was in dieser Kombination nicht selbstverständlich ist), zeigt umgekehrt, wie sehr wir darauf gewartet haben, dass ein Russe kommt und uns von uns erzählt; auf dass wir endlich einmal ein wenig stolz sein dürfen, auf unser so ulkig banales großartiges Leben.
Leicht übersieht man bei dieser Ausbeute der Kaminer'schen Exkursionen die illustrierenden Bilder von Helmut Höge; Lesern der TAZ, des "Freitag" und der "Jungen Welt" als Wirtschaftsjournalist mit leicht skurrilem Einschlag bestens bekannt. Höge hat sein privates Archiv an Alltagsbildern geöffnet, dass in den vergangenen Jahren durch Ankäufe von Nachlässen Verstorbener oder ins Heim Gekommener auf Berliner Flohmärkten entstanden ist. Zu sehen sind Menschen der Fünfziger, Sechziger und zuweilen auch noch Siebziger Jahre bei ihren Alltagsverrichtungen. Ein Angler zeigt seine Fische vor. Die jungen Eltern präsentieren ihr ebenfalls junges Kind. Demonstranten fotografieren sich beim Demonstrieren. Eine Bürogemeinschaft versucht sich am Stilleben; die Herren stehend, die Damen sitzend. Höges Bilder sind auf den ersten Blick nebensächlicher, zunächst auch unspektakulärer als der heitere Plauderton seines dazugezogenen Freundes Kaminer; doch haben wir gerade eben bei diesem gelernt, dass der Blick zur Seite auf Dauer ergiebiger sein kann, als die Suche nach den ganz großen Geschichten. Und nicht zuletzt entblättert sich auch in Höges Bildmaterial unsere Sehnsucht nach der stillstehenden Zeit, in der Opa auf ewig die Ärmel hochkrempelt, wenn er locker sein will; wenn sich Muttern ein lustiges Hütchen aufstülpt, wenn es lustig zugehen soll. So empfiehlt es sich, nach dem Lesen der Texte, das Buch noch einmal aufzuschlagen und mit dem Betrachten ganz von vorne zu beginnen. Und der Genuss am schönen Nebensächlichen wie am nebensächlichen Schönen entblättert sich nochmals in voller Pracht.
Textauszug:
In der Nähe unseres Hauses steht auf dem Arminplatz ein Denkmal: Auf einem Sockel aus Bronze liegt ein aufgeschlagenes Buch und neben dem Buch zwei abgehackte Hände. Jeden Tag gehe ich mit meinen Kindern an diesem Denkmal vorbei zum Kindergarten. Jeden von uns dreien beschäftigt die Frage, was diese Skulptur eigentlich zu bedeuten hat, und jeder von uns hat inzwischen eine eigene Theorie oder zumindest eine persönliche Haltung zu dem Kunstwerk entwickelt. Ich habe es "Der verurteilte Schriftsteller" genannt. Aufgestellt, um jemanden zu ehren, der Bücher verfasst hatte, in denen er stets die Wahrheit gesagt hatte. Dafür waren ihm von seinen dankbaren Lesern die Hände abgehackt worden. Meine Tochter Nicole meint dagegen, es seien bloß Handschuhe, die jemand auf dem Sockel mitsamt mit Buch unterwegs zur Kita vergessen habe. Es handle sich also um ein Denkmal gegen die Vergesslichkeit. Mein Sohn Sebastian ist noch zu klein, um eine Theorie zu dem Objekt zu haben, aber er hat trotzdem eine klare Haltung. Jedes Mal, wenn wir daran vorbeigehen, gibt er den beiden Händen beziehungsweise Handschuhen aus Bronze die Hand und sagt: "Guten Tag."
Frank Keil-Behrens
Wladimir Kaminer/ Helmut Höge: Helden des Alltags. Goldmann, 159 Seiten, 14, 90 Euro. ISBN 3-442-54183-2