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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:21

 

Cornelia Zetzsche (Hrsg.): Geschichten aus dem modernen Indien

06.10.2006

 
Mythos und Idee

Wer sich Indien literarisch annähern will, dem wird dieses Buch eine gute Unterhaltung sein.

 

Indien – Gastland der Frankfurter Buchmesse 2006: Blumenketten, Räucherstäbchen mit dem Duft von Sandelwood, Saris, die Klänge der Tabla. Indien pur. Immer ein Lächeln auf dem Gesicht und beim „Jasagen“ den Kopf ganz leicht nach links und rechts schütteln. Was bei uns „Nein“ bedeutet ist bei den Indern ein „Ja“. Zunächst sind wir etwas irritiert, aber dann werden wir uns schnell an dieses leichte Kopfschütteln gewöhnen: weltoffen wie wir Deutschen spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 sind.

„Früher fiel allen zum Thema Indien immer nur Armut ein“, sagt Kiran Nagakar, der zu den bemerkenswertesten indischen Schriftstellern der Gegenwart gehört. „Heute assoziiert man uns mit Informationstechnologie oder mit Indien auf dem Sprung.“ Das Land ist ein Schmelztiegel aus ultrareich, bettelarm, Hightech und Dreck.
Wie zeigt sich hier die indische Literatur? Ist sie ebenfalls ein Schmelztiegel aus vielen verschiedenen Einflüssen? Tatsächlich spiegelt sich das Indien von heute in seiner Literatur, mitsamt seinen vielen schrillen Realitäten.

Indien, das Land der achtzehn, jawohl, achtzehn Sprachen. Das macht es schwer, einen gemeinsamen literarischen Nenner zu finden. Es ist daher keine typische indische Literatur auszumachen. Zu sehr sind die historischen Einfärbungen der Kolonialzeiten und der Epochen noch weit davor manifest. Dennoch lassen sich in der Lyrik und auch den Erzählungen oder Kurzgeschichten Ansätze herauslesen, die auf eine starke literarische Zukunft Indiens hoffen lassen.

Spiritueller Vielvölkerstaat

Die indischen Schriftsteller sind Hindus, Moslems, Parsen, Christen, Juden: Indien ein spiritueller Vielvölkerstaat. „Es gibt nur eine einzige Gottheit, und die heißt Leben“, lässt Kiran Nagakar den Mystiker Kabir in seinem Roman Gottes kleine Krieger sagen. In einem Roman ist das schnell gesagt, aber wie sieht die Realität aus? Die Angehörigen der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften Indiens gehören entweder zur höchsten Kaste der Brahmanen oder zu den Unberührbaren. Eine Grauzone dazwischen gibt es nicht. Nur schwarz oder weiß. So können wir davon ausgehen, dass die Autoren der indischen Gegenwartsliteratur aus der Brahmanenkaste entstammen. Die Unberührbaren werden wohl in der indischen Gesellschaft auch weiterhin literarisch unberührbar bleiben. Das hat auch handfeste Gründe. Die Mehrheit von ihnen kann weder Lesen noch Schreiben.

Die Dichter Indiens kommen aus allen Teilen des Subkontinents. Sie leben in Delhi, Kalkutta, Bombay, Bangalore, Mysore, Ahmedabad oder sonst wo: Sie sind Pendler zwischen den Welten wie Vikram Chandra oder Expatriates wie Shashi Tharoor. Sie erzählen von Brahmanen und Muslimen, von Benares und Bombay, schildern das Leben in den Städten und auf dem Land, berichten von Emigranten und von Zurückgekehrten. Es geht um Hochzeits- und Beerdigungsrituale, um Straßen- und Büroszenen, Arbeitskämpfe und Religionskonflikte, um den Unabhängigkeitstag, die Teilung Indiens oder um ein Leben zwischen den Kulturen. Oft ist von der Einsamkeit in dem Milliardenland die Rede, und immer wieder steht die Familie als Spiegel der Gesellschaft im literarischen Fokus.
Mehr als fünfzig Autoren und Autorinnen, vielfach mit den höchsten Literaturpreisen Indiens ausgezeichnet, sind in diesem Band mit Erzählungen, Romanauszügen und Gedichten aus elf Landessprachen vertreten. K. Satchidanandan, Lyriker und Präsident der Sahitya-Literaturakademie, schrieb das Vorwort zu dieser Anthologie. Kurzporträts charakterisieren die Autoren und skizzieren den Kontext ihrer Arbeit im literarischen Leben und im indischen Alltag. „Indien ist ein Mythos und eine Idee, ein Traum und eine Vision, und trotzdem ist es sehr real, sehr präsent und allgegenwärtig“, fasst Jawaharlal Nehru treffend zusammen.

Wer sich Indien literarisch annähern will, dem wird dieses Buch eine gute Unterhaltung sein. Eine Garantie, nach der Lektüre etwas mehr von dem Phänomen Indien zu verstehen, gibt es nicht.

Rüdiger Heins


Cornelia Zetzsche (Hrsg.): Geschichten aus dem modernen Indien. Ins Deutsche übersetzt von Katharina Förs, Ursula Gräfe, Gert Heidenreich, Gert Heidenreich, Axel Monte, Rita Seuß, Barbara Steckhan, Ulrike Seeberger u. a. Insel Verlag 2006. 716 Seiten. Euro 24,80.

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