Debütantin Malin (28) aus Berlin und auf dem Cover Kunstlederpuschen in antibiotischem Lila - die Vorzeichen sind Süßstoff. Erzählungen, ach nein, unter dem brennwertreduzierten Titel Leichte Mädchen. "Kommen überall hin" ergänzt man reflexhaft und weiß genau, dass jetzt wieder die Post mit dem Feminismus abgeht. Die Wette, ab dem wievielten Satz einen die lakonische Lakonie einer ganz neuen Frauenstimme diesmal demütigt, kann man nur gewinnen.
Doch es zieht sich. Zunächst muss man - ganz unverächtlich - lachen. Die kurze Erzählung "Mein erster Achttausender" eröffnet das Buch mit der bösartigen Skizze einer Kleinfamilie, deren Unfähigkeit zur Kommunikation in der realen bzw. virtuellen Globalisierung ihrer Verantwortlichen, d.h. Mama und Papa, grotesk zutage tritt.
Mama ist eine dieser ungenießbaren Alternativ-Traveltanten, die die Luft zwischen Himalaja und Kaukasus mit Kerosinabgasen verpesten, um geheime, d.h. in jeder Buchhandlung erhältliche Insidertipps für den Rest der eingeschworenen Trekking-Gemeinde zu sammeln. Sie macht gerade Pause, bevor sie zum Everest aufbricht. Die Wohnung stinkt nach Yak-Butter und Bergstiefeln.
Umgekehrt, aber nicht weniger unappetitlich, geriert sich Papa: er opfert den Raum der Zeit. Mit seinem Laptop im Bett installiert, verrichtet er seine sogenannte "Telearbeit", ohne je aufzustehen. Proust goes dot.com. Dass ihm dies aufgelegene Stellen und regelmäßige Thrombose-Spritzen eingetragen hat, scheint er so wenig zu realisieren, wie seine Frau die Läuse in ihrem Schlafsack..
Somit muss die Ich-Erzählerin die hygienische und medizinische Grundversorgung ihrer Eltern übernehmen. Obwohl sie noch zur Schule geht, gibt sie die einzige Erwachsene in der Familie. Ihr entnervter Ton deutet allerdings an, dass es bei "Mama, wir müssen deine Haare waschen!" und Papas Einschlafmilch nicht mehr lange bleiben wird.
Wie hier, so stehen Töchter auch in den meisten anderen Erzählungen im Zentrum. Sie bilden nachgerade den Fixpunkt in einer Welt, die es nicht einmal geschafft hat, ganz aus den Fugen zu geraten. Ihre Dramen sind höchstens Dramolette, mit Figuren, die ab und zu vergessen, aufzuräumen und der krebskranken Katze die Anti-Baby-Pille zu geben.
Also doch Lakonie? Plüschpathos? Spätestens der dritte Text, "Der Schlaf der Vernunft", scheint einem die ersehnten Klischees zu liefern: Da wird ganz selbstverständlich ganz viel gekifft und ganz trocken über Liebe gesprochen. "Endlich", ruft man zufrieden, bevor man den nächsten Spicker auf das Foto von Judith Hermann wirft.
Doch Malin Schwerdtfeger tut uns den Gefallen nicht. Selbst die Geschichte um eine, nein!, entwurzelte junge Verliebte in einer, puuh!, andalusischen Kolonie dauerinhalierender Selbstzüchter verfällt nicht ins belegte Parlando der neuen Frauenstimmen. Das Erzählte nimmt vielmehr eine ganz und gar nicht anämische Wendung. Und der bösen Schlußpointe kann man höchstens vorwerfen, sie schon in The Big Lebowski gesehen zu haben. Überraschend bleibt sie trotzdem.
Schließlich gelingt ausgerechnet der Text am besten, der das schwer erträgliche Ennui der späten Generation X am deutlichsten thematisiert. Als wollte die Autorin das Vorurteil des Lesers verhöhnen, lässt der lust- und erfolglos studierende und Fertiggerichte essende Erzähler von "Vorstadtdämonen" eine Atmosphäre magischer Melancholie entstehen, die mit der gewohnten Larmoyanz verhätschelter Slacker nichts zu tun hat.
Aber die leben auch nicht in einer Vorstadt von Jerusalem bei einem erratischen alten Mann, der seine Katze mit ausgekochten Gänsehälsen und, wie gesagt, der Pille füttert, um das metastasenüberzogene Tier vor einer weiteren, lebensgefährlichen Trächtigkeit zu schützen. Der Mann, Fritz, ist ursprünglich Deutscher und im Moment auf Besuch in der alten Heimat, d.h. die Betreuung von Muschmusch bleibt am untermietenden Erzähler hängen. Zwischen dem Auskochen der Gänsehälse, deren Reste er gemäß Fritz' Anweisung auf einen bestialisch stinkenden Haufen im Vorgarten wirft, und ritualisierten Gängen in die Unibibliothek erlebt er nur die Vorstadt, das "Tal der Dämonen", wie es auf Hebräisch heißt. Die scheinbar außerzeitliche Lethargie, in die er verfallen ist, verbindet sich dabei auf seltsame Weise mit der jahrtausendealten Geschichte des Ortes und seiner Geschichten. Die Mythen werden greifbar wie die Schwüle und der Gestank in der Luft. Schließlich taucht ein Mädchen in das stehende Gewässer dieser Tage, räumt erstmal auf, stellt sodann fest, dass die Katze schwanger ist, und beendet die Geschichte mit dem denkbar treffendsten Satz: "Jetzt kaufen wir was Frisches für dich."
Erneut ist es also eine Tochter, wenn auch hier nur andeutungsweise in dieser Rolle, die das Prinzip der Vernunft vertritt. Sie steht letztlich für die Gesamtheit der - jungen - Frauen in Schwerdtfegers Erzählungen: Ihre leichten Mädchen sind nichts weniger als leicht. Und bei aller angesagten Beiläufigkeit, mit der auch sie erzählen bzw. von ihnen erzählt wird, unterscheidet sich ihre Autorin in einem Punkt von anderen Töchtern der neuesten deutschen Literatur: Man glaubt ihr - und möchte mehr von ihr lesen.
Textauszug:
Die Frucht vom Baum der Erkenntnis ist eine aufgeplatzte Guave auf einem Markt in Jerusalem. In Jerusalem wohnte ich mit einer krebskranken Katze in einem Viertel mit zwei Namen. Deutsche Kolonie heißt es nach kürzlich Verstorbenen, deren Zeit man in Jahrzehnten mißt, nach den Totengeistern der Jahrtausende aber Emek Refaim, Tal der Dämonen.
Mathias Tretter
Malin Schwerdtfeger: Leichte Mädchen. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch. 140 S. DM 15,50. ISBN 3-462-02996-7