Die Fragen sind einfach in Jaromir Konecnys kleinem Universum, und die Überraschungen auch; so einfach, dass sie bekanntlich bei Slamschlachten unter dem hintersten Kneipentisch noch verstanden werden. Anale, orale, phallische Phasen - das kennt man von sich selbst bzw. den Anliegen, mit denen sich andere Beatsteller an ihr verständnisvolles Publikum wenden.
Wenn aber soviele Schreibensgenossen ihre Beficklichkeiten in Fünf-Minuten-Terzinen aufkochen, warum, fragt man sich, steht Konecny trotzdem meistens an deren Spitze? Natürlich weil er anders ist. Weil er unerschrocken fragt, ob Gott ein Arschloch hat, und weil er noch unerschrockener Freud selbst invertiert. Denn die Fäkalmassen halten sich von ganz alleine zurück bei seinem Helden, der zumeist Jaromir heißt:
"Ich sitze nur noch auf dem Klo, ich sitze und hoffe, und gleichzeitig bange ich davor, daß sich die Scheiße in Bewegung setzt."
Furcht und Begehren, das kennt man von sich selbst. Der Komet auf dem Slip der Cedok-Blondine, die dem schlechten Leben in die Emigration helfen soll, oder der "Irokesenschnitt an der Möse" der obligatorischen Nutte, machen nämlich nicht nur "Gurke", "Ständer", "Latte" und "Mongolenzelt" in den Boxershorts, sondern auch Angst. Leider ist es nicht der allen Geschichten gleiche Ich-Erzähler, den es in solche Ambivalenzen stürzt; vielmehr muß sich der Leser vor dem furchtlos Begehrenden ängstigen. Denn dem wird schon auf Seite fünfzehn das Gemächt zum "Gevatter Specht" und weil somit das Vokabular aus dem obersten Regal des Bahnhofkiosks ausgeschöpft scheint, ist von da an Schlimmstes zu befürchten.
Doch man beruhigt sich bald: es bleibt bei Kiosk. Und bei dem Bahnhof, wo Konecnys Emigranten ankamen. Hätten diese nicht soviel Geschlecht, könnte man mehr erfahren von ihrem Leben, das an manchen Stellen zumindest ahnen läßt, dass es die Banalität der Mösen transzendiert. In bedauerlicherweise so wenigen wie kurzen Momenten instrumentalisiert Konecny, der tschechoslowakische Flüchtling, die Froschperspektive einmal nicht, um unter einen Rock zu starren, sondern blickt um sich, zum Beispiel auf das Sammellager für Asylbewerber, in dem sein Erzähler mit Freund Jindra interniert ist. Hier ist Neues, Interessantes zu entdecken, auch wenn der anhaltende Heftchenduktus den Schilderungen die Eindringlichkeit nimmt. Spaß macht es allenthalben, wenn Jaromir und Jindra etwa die betuliche Philantropie einer niederbayerischen Theologin unterminieren, die sich ihr gutes Gewissen aus dem Lager geholt und unter den Weihnachtsbaum gesetzt hat. Als Jindra die Weißwurst mit der Pelle und den Käse mit der Rinde verzehrt, sind die Grenzen des Gutmenschseins allerdings schnell erreicht. Zur schönen Bescherung gibt es zwar noch Zigaretten, die Ostereinladung wird aber dennoch ausbleiben.
Viel mehr davon könnte Konecny, wie gesagt, beobachten, hätte er nicht dauernd nur einen Dorn im Auge. Selbst dann jedoch müßte man die Frage, die er ahnungsvoll den eigenen Texten stellt - "Soll das Literatur sein?" -, mit Nein beantworten. Denn abgesehen davon, daß seine anderen non-sexuellen, weil zur Abwechslung antiesoterischen Hiebe in den Zeiten der Inkorrektheit keine Makrobiotikerin mehr vom Pendel wegärgern, macht sich grunsätzlich literarische Qualität nicht, wie er andeutet, an der Kopulationsfrequenz innerhalb eines Texts fest, sondern allein an der formalen Anstrengung, die aus dem belanglosesten Akt einen künstlerischen macht. Seine humorigen Ordinärminiaturen mögen sich weiterhin mit gutem Recht Slam-Poesie nennen - und das ist doch auch schon was.
Mathias Tretter
Jaromir Konecny: Das Geschlechtsleben der Emigranten. Broschiert - 127 Seiten - Ariel-Verlag 2003. 12 Euro. ISBN: 393014817X