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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:22

 

Patrick McCabe: Phildy Hackballs Universum

19.02.2004

 


Die Nachtseite der Nettigkeit

Irland ist Irland ist Irland. Die Schriftsteller trinken, die Trinker schriftstellern, die Pfarrer entrüsten sich, und alle sind nett. Alle, bis auf die Bücher.


 

Irland ist Irland ist Irland. Die Schriftsteller trinken, die Trinker schriftstellern, die Pfarrer entrüsten sich, und alle sind nett. Alle, bis auf die Bücher. Denn die enthüllen bekanntlich Seelen, die Nachtseiten der Nettigkeit. Und plötzlich, in der Finsternis des fiktionalen Raums, scheißt der Mensch wieder von den Bäumen (Swift) oder auf die Moral (Wilde) oder o­naniert ganze Kapitel lang (Joyce).

Ob Phildy Hackball sich in dieser Tradition sieht, ist nicht überliefert. Er spricht nicht von irischer Literatur; auch wenn es scheint, als habe er sich durchaus seine poetologischen Gedanken gemacht. "Ich fürchte", schmäht er etwa seinen Freund und Laudator Pat, "über Tschechow weißt du ungefähr so gut Bescheid wie mein Arsch über die Schnepfenjagd!"
Doch mag er sich selbst auch besser auskennen, mag er sogar Sherwood Anderson gelesen haben, bevor er sich zum Chronisten des Städtchens Barntrosna ernannte - es kümmert nicht. Denn was zählt, sind letztlich die eigenen Ahnen. Und so sind Phildy Hackballs Geschichten über die skurrilen Bewohner seines Heimatorts vor allem eines: nicht nett.

Es beginnt noch recht harmlos mit einem Ehemann, der sich die Hörner, die ihm angeblich aufgesetzt werden, derart lebendig ausmalt, daß man bald um das Wohl seiner - unschuldigen? - Frau fürchtet. Voraussetzung dieser Obsession ist natürlich die Ungewißheit, in der auch die Leserin bis zum Schluß gelassen wird. Denn wie berechtigt die Rachegelüste des Mannes tatsächlich sind, ist an keiner Stelle der personalen Erzählung auszumachen.

McCabe führt damit bereits das Prinzip ein, das den größten Teil des Buches charakterisiert. Sein Universum entspringt nämlich weniger der wüsten Imagination seines literarischen alter ego Hackball, als vielmehr der pathologischen Wahrnehmung der Figuren. Wen Hackball aus Barntrosna auch zu Wort kommen läßt - unreliable narrators sind sie alle. Die einen überkompensieren, wie der ewige Verlierer, der sich zum Biographen und Freund Bruce Lees stilisiert; die anderen projizieren, wie der Bischof, dessen Triebhaftigkeit einen eifrigen Jungpriester als Leibhaftigen erscheinen läßt; ein Dritter beteuert, fliegende Maulesel zu sehen, weil er schlicht Opium nimmt. Dies zumindest muß man annehmen, denn selbstverständlich bietet keine der Erzählungen eine Alternative zur personalen Sicht.

Trotzdem lassen sich Fixpunkte finden in Hackballs Kosmos. Und diese sind, wie gesagt, nicht nett. So entspringen die Obsessionen, die allen Figuren eignen, zumeist der Verbindung persönlicher Neurosen mit einer hanebüchenen, möglicherweise sehr irischen Bigotterie. Daran entzündet sich regelmäßig ein Maß an Gewalt, das neben der sprichwörtlichen Nettigkeit geradezu grotesk anmutet. Auf exemplarische und schauerlich amüsante Weise illustriert dies das Geschehen um den jungen Declan Coyningham, der aus purer Mißgunst von Gleichaltrigen umgebracht wird. Barntrosna wäre nicht Barntrosna, würde er eines natürlichen unnatürlichen Todes sterben. Vielmehr bestätigt sich in diesem Mord die Fiktionalität des Ortes: Oder ist es tatsächlich möglich, jemanden aufzublasen, bis er platzt?

Vom Grausigen ist der Schritt nicht weit zum Eklen - und selbstverständlich geht McCabes vorgeschobener Autor auch ihn. In "Die Furunkel des Thomas Gully" benennt schon der Titel die einzige Realität, die man aus dem halluzinösen Erzählstrom herauszuhören vermag. Gully (!) will endlich eine Frau - und er bekommt sie: "Fingernägel! Karmesinrot! Und diese Hose! Mit Pailletten übersät, die wie Glassplitter in der Sonne glitzerten. Ach, und erst die Haare! Oh, diese Haare!" Irgendwann ist dann von einer stattlichen Anzahl Pints und Brandies die Rede - inzwischen so wenig unerwartet, daß die Erzählung auch dem Wohlwollenden wenig mehr gibt als Furunkel.

McCabes Stärke ist mithin gleichzeitig seine Schwäche. Denn die mehrfache Wiederholung des einen narrativen Prinzips läßt beim Leser schließlich die Gewißheit der Ungewißheit entstehen. Dazu kommt mitunter der Eindruck des Ewig-Grotesken, das manchmal fast verbissen um liebenswerte Psychosen und pittoreske Gewalttätigkeit ringt. Irland ist natürlich ein Klischee. Seine Umkehrung aber ebenso.

Textauszug:
Seit sie ihre Stelle im Staatsdienst hatte aufgeben müssen, wohnte Dympna Wrigley, fünfunddreißig, in der Immaculata Parade, Barntrosna, bei ihrer Mutter, die sie am liebsten umgebracht hätte, wenn sich die Gelegenheit dazu ergeben hätte. Seit dem Tode ihres Mannes trieb die Mutter sie nämlich schier zur Verzweiflung ("Wer wird sich jetzt um mich kümmern? Wer wird sich jetzt um mich kümmern?"). Saß da in der Kaminecke, die Strümpfe um die Fußknöchel wie Saucenkringel, krächzte über dies und krächzte über das und wollte wissen, was sie eigentlich verbrochen hatte, daß sie mit einer Tochter vom Schlage Dympnas gestraft war. Falls sie überhaupt eine Tochter war, eher ein frecher, nichtsnutziger Fleischkloß, der im Haus keinen Handschlag tat.

Mathias Tretter



Patrick McCabe: Phildy Hackballs Universum. Erzählungen.
Eichborn. 265 S. 39,80 DM.
ISBN 3-8218-0816-0

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