Alexander Kluge: Tür an Tür mit einem anderen Leben
21.01.2007
Vergangenheit, Zukunft und Konjunktiv
Kluges opulente Gedankensammlung versetzt den Leser in einen Zustand der inneren Erregung, der geistigen Unruhe und in einen ziellosen Tatendrang.
„Der Vorfall war klein, hat es aber in sich“, heißt es in Ernst Blochs Spuren. An diese Form der teilweise aphoristisch zugespitzten philosophischen Prosa erinnert Alexander Kluges neuer Band mit insgesamt 350 Texten, die in neun Kapitel gegliedert sind. Was hier nebeneinander steht, fügt sich (durchaus beabsichtigt) nicht zu einer harmonischen Einheit. Es sind subjektive Momentaufnahmen, Gedankensplitter, profunde Reflexionen und fragmentarische Prosaskizzen. Die Themenpalette des Georg-Büchner-Preisträgers von 2003 reicht von den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts, über die Erderwärmung und den Irak-Krieg bis hin zu großen Köpfen wie Nietzsche und Voltaire.
Kluge liefert weder fest gefügte Weltbilder noch griffige Storys, sondern er versucht, Erfahrungen zu vermitteln („Eigentlich brauchen wir einen Atlas unserer Erfahrung.“) und aus einem assoziativen Bildermeer und dokumentierten Fakten Zusammenhänge zu konstruieren.
„Wir leben nicht in einer Gegenwart. Wir leben gleichzeitig in einer Vergangenheit, einer Zukunft und in der Möglichkeitsform, in einem Konjunktiv“, heißt es im neuen Band Tür an Tür mit einem anderen Leben.
Konjunktiv des Lebens
Und eben diesen Konjunktiv des Lebens testet eine junge Studentin in der Titelgeschichte. Für wenige Stunden taucht sie in die mondäne Welt eines Fünf-Sterne-Hotels in Paris ein. Sie probt eine Art geborgte Identität, ehe sie – ohne Spuren zu hinterlassen – wieder verschwindet. Was hätte daraus entstehen können, wäre sie einem „Geschäftsmann begegnet, der eine Beute sucht?“
Um Gegensätze, Widersprüche und konstruierte biografische Wendungen kreisen Kluges Gedanken. Für ihn existieren keine linearen Lebensläufe. Er lässt seine Figuren Haken schlagen und um unübersichtliche Ecken laufen – so wie es der eigenen Denkweise entspricht, nach subjektivem Bekunden mal „Hilfsgärtner der kritischen Theorie“ und dann wieder Poet in der Tradition von Novalis.
Allerdings öffnet Kluge, der im Februar seinen 75. Geburtstag feiert, in diesem Band ungewohnt weit sein Privatleben. In „Mein wahres Motiv“ beklagt er, dass es ihm als Kind nicht gelungen war, die Scheidung seiner Eltern zu verhindern. „Wäre ich in Verhandlungen erfahren gewesen, wie ich es heute bin, wäre es mir gelungen, die beiden auseinander strebenden Geister in der Krise von 1941 zusammenzuführen.“ Da klingt latent zwischen den Zeilen die Frage an, ob sein Leben dann möglicherweise eine ganz andere Bahn genommen hätte.
Kluges opulente Gedankensammlung versetzt den Leser in einen Zustand der inneren Erregung, der geistigen Unruhe und in einen ziellosen Tatendrang. Tür an Tür mit einem anderen Leben ist ein Kompendium für alle Querdenker, das sich (um mit Blochs Spuren zu schließen) „auf dem Weg von innen nach außen und umgekehrt nicht überfliegen lässt“.
Peter Mohr
Alexander Kluge: Tür an Tür mit einem anderen Leben. Suhrkamp Verlag 2006. 646 Seiten. 29,80 Euro.