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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:23

 

Irene Dische: Lieben

04.02.2007

Konservendose als Tatwaffe

Die 55-jährige amerikanische Schriftstellerin Irene Dische preist in den 26 Erzählungen ihres neuen Bandes keineswegs das traute Liebesglück. „Lieben“ als höchst ambivalenter Zustand, als Gratwanderung zwischen ekstatischen Glücksgefühlen und tiefen Verletzungen ist das zentrale Motiv.

 

Die hierzulande seit ihrem Erzählband Fromme Lügen (1989) hoch gehandelte Autorin, deren letzter Roman Großmama packt aus (2005) in der FAZ in Fortsetzungen abgedruckt wurde, hat ihren Band mathematisch exakt aufgeteilt. Zwölf Geschichten haben ein „trauriges Ende“, zwölf ein „glückliches Ende“, dazu werden ein „Intermezzo“ zwischen den beiden Blöcken und ein Epilog gereicht.

Irene Dische entwirft kleine Soziogramme mit allen erdenklichen emotionalen Hochs und Tiefs. In ihren besten Texten erweist sie sich dabei als Meisterin der psychologischen Short Story. Eine Frau durchlebt nach dem Tod ihres Mannes eine schwere psychosomatische Krise und magert ab: „Aber die anderen sahen nur ihre neue Schlankheit, die hübschen Kleider, ihre Fröhlichkeit und regten sich auf.“

Viele Erzählungen, vor allem die mit unglücklichem Ausgang, laufen auf ein effektvolles Finale zu: Disches Variante von Romeo und Julia, die Geschichte um einen gescheiterten Schauspieler, der seine Verflossene in einem Supermarkt mit einer Konservendose erschlägt, oder der Text über den Rockmusiker, der von einem Auto überfahren wird.

Trotz des ernsten Themas versteht es Irene Dische, zwischen den Zeilen auch eine gehörige Portion Humor einfließen zu lassen. Geradezu filmreif liest sich die Episode um den Mörder Huseyin, der den Geliebten seiner Tochter tötete, um die Ehre der Familie wiederherzustellen. Nach der Tat ruft er die Polizei an und signalisiert eine Autopanne. Der Täter wähnt sich mit diesem selbst verschafften Alibi auf der sicheren Seite und rekapituliert in einem Selbstgespräch noch einmal die Tat. Er hatte allerdings vergessen, das Handygespräch zu beenden, und lieferte der Polizei somit ein sauberes Geständnis ab.
Das wirkt ziemlich kühn konstruiert und wenig glaubhaft, aber Irene Dische, die seit zehn Jahren einen zweiten Wohnsitz in Berlin hat, setzt bewusst auf das Stilmittel der pointierten Zuspitzung. Die Grenze zum Klamauk wird bedrohlich dünn, als sich eine ältere Frau in der Toilette einschließt und sich erst zur Rückkehr ins Wohnzimmer bewegen lässt, nachdem ihr Sohn „Das Wandern ist des Müllers Lust“ gesungen hat.

Frappierend an diesem Band sind die gewaltigen Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Erzählungen. In der Spitze erreicht Irene Dische das Auslese-Prädikat, aber manches schmeckt auch fad nach billigem Tischwein.

Peter Mohr


Irene Dische: Lieben. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe 2007. 284 Seiten. 19,95 Euro.

Am 14. Februar um 19.30 Uhr liest Irene Dische im Künstlerhaus Hannover.

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