Peter Handke: Kali
25.02.2007
Die Angst des Kritikers vorm Handke-Peter
"Ich habe im vergangenen Sommer eine Geschichte geschrieben, die von einem vermissten Kind handelt. Es heißt Andrea, so dass man nicht genau weiß, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich habe eine Meisterin im Wiederfinden erfunden, so eine, die geholt wird, wenn einem die Kontaktlinse in den Kies fällt."
Hand aus der Hose, ist das nicht saukomisch? Also, wer hier nicht lacht, der ist (betriebs-)blind. Hege Schneider de luxe, mit toller Poetentolle und rotweinroter Zunge! Aber es gibt tatsächlich noch ein paar Kathedergrößen der Kritik, die karnickelgleich vor dieser österreichischen Schlange erstarren und – egal was sie zischelt – wie aus Reflex ihre altbewährten Sprüchlein aufsagen.
Ursula März beispielsweise ist eine echte Sich-nicht-mehr-Einkriegerin! Peter Handke, so verlautbart sie in der ZEIT, gehört zu einem einsamen „Trüppchen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, „ein rätselhafter Erzähler“, der mit seiner "vieldeutigen Erzählordnung" das Feuer wahren Leseglücks in ihr zu entfachen vermag. Kali sei ein "strukturstarkes, szenisches Konzentrat", eine sentimentale Aufladung ontologischer Kindlichkeitsutopien“ samt ihrer "christlichen Erlösungsszenarien". Oh Ursula von Berlin, du Mystikerin der Neuerscheinungen, da hast du dir aber einen eitlen Götzen ausersehen! Siehst du deinen St. Peter, den großen Märtyrer des Literaturbetriebs, denn gar nicht feixen? Aber vermutlich geht das schlecht, wenn man auf Knien, gesenkten Hauptes...
Dichtkunst – das Starterset
Oh ja, es wird in Kali ordentlich poetisch, wenn auch zumeist auf Kartoffeldruck-Niveau, denn schon im Titel beginnen die quälenden Komposita, die Kalliope (Handkes Lieblingsmuse) so schamlos anzuheulen trachten. Und Komposita sind ganz empfindliche Gewächse - sie blühen selten auf. Wenn, dann ist es ein Ereignis, das eine ganze Lektüre zu überduften vermag. Wenn nicht, dann wird’s ganz schön muffig im Kartoffelkeller...
Besehen wir uns in Kali mal eine Reihe handkescher Schöpfungen: der Salzherr, der Grubenherr, die große Finderin, das Salzdomknistern, die Hügelkuppenwiese (sic!), die Beinahmenschenleere, die Schneenacht, der Schneewind, die Windnacht, der Nachtmahltisch, (das Zubettgehbett?), der Speisenaufträger, die Kaufdinge (P. H. ein romantischer Sozialist?). Das Bild, das sich hier abzeichnet ist deutlich: Die Gebrüder Grimm schreiben Drehbücher für Fassbinder... – unappetitlich.
Die Handlung der „Vorwintergeschichte“: Nach Abschluss ihrer Tournee reist eine Sängerin "in die Gegend gleich nebenan, hinter dem Kindheitsfluss. Dort ist der Winter noch Winter.“ Ein Kind ging vor zehn Jahren verloren und die Sängerin wird mit der Suche beauftragt.
Garantiert ohne Zusatzstoffe
Das alles kennen wir schon von Prinz Kräuselbart. Das ist kein „Alterswerk“, wie der SZ-Rezensent Willi Winkler verlautbart, das ist schon lange Vorgekautes. Das ästhetische Verfahren: Vermengen der Gattungen, der Genre, der modernen Mythen mit den herkömmlichen – 100% Handke! Mit ätzender Kritik überzieht Hubert Spiegel dann auch diese Geschichte und das darin ersonnene "Auenland". Er vergleicht diesen Ort mit Tolkiens grundheiler Hobbit-Welt, in der er "umkommen möchte vor Langeweile". Die Geschichte laufe ab wie ein "schlechter Hollywoodfilm der fünfziger Jahre". Alles sei nicht nur vorhersehbar, sondern derart "abgedroschen", dass man nur noch staunen kann, mit welcher "nachlässig aufgesetzten Einfachheit" Handke mittlerweile produziert.
Also langweilig, Herr Spiegel, ist Handkes Neuling auf keinen Fall! Kali ist zum Einen zu kurz, als dass Langeweile überhaupt aufkommen könnte, zum Anderen ist es ein poetelndes Amüsement ohnegleichen, bei dem man immer hofft, dass es der österreichische Künstler auch so gemeint hat, wie man es liest. Wenn nicht, dann „bäh“ - aber keinesfalls „gähn“.
Und jetzt mal ehrlich: Der Salzdom ist schon ein dankbares Symbol, nicht? Eine Kirche unter der Erde, ein weißes, umgestülptes Babel, ein Elfenbeinturm ausgerichtet auf den Erdmittelpunkt, das Salz der Erde, in dem man wohnt... – man könnte ewig weiterassoziieren. Und dann ist Kali nicht nur der Kurzname für Kaliumsalze, sondern praktischerweise auch der Name der indischen Göttin der Vernichtung, die gleichzeitig auch Mutter der Erneuerung ist. Wie passend. Solche poetischen Komplexe schnüffelt sich ein Dichter aus, das riecht der sofort, dass da literarisch was geht, es ist schließlich sein Handwerk. Und Handke wäre nicht Handke, würde er diese Riesenmetapher nicht nach allen Regeln der Kunst vor unser aller Leseraugen tranchieren. Und keine Angst, es kriegt wirklich jeder sein Stückchen Poesie. Doch ob man davon satt wird?
Christoph Pollmann
Peter Handke: Kali. Eine Vorwintergeschichte. Roman. Suhrkamp 2007. 161 Seiten. Preis: 16,80 Euro
|
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Maler der Farben und Formen
Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
|