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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:24

 

George Saunders: Pastoralien

20.02.2004

 
Vom Tellerwäscher zum Tellerwäscher

Wie in seinem vielfach ausgezeichneten Debüt Bürgerkriegsland fast am Ende liefert Saunders zum zweiten Mal Einblicke in die Wirklichkeit des heutigen Amerika, die möglicherweise realistischer sind, als dem Satiriker lieb sein mag.


 

Was sind eigentlich Pastoralien? Der Rezensent hat erfolglos DUDEN, Wahrig und Wilpert bemüht und sich von einer Metasuchmaschine ermahnen lassen: "Meinten Sie Pastoralen?" Nein, meinte er nicht. Der Titel des vor ihm liegenden Erzählbands ist Pastoralien, nichts anderes. Verunsichert sieht er beim amerikanischen Original nach: Pastoralia. Naja. Man sollte ohnehin nicht zuviel auf Überschriften geben. Also überblättert man schließlich die ärgerliche Titulatur, um durch Lektüre herauszufinden, was George Saunders, der immerhin preisgekrönte Autor, damit im Sinn hatte. Die erste Erzählung heißt - "Pastoralien".

Ein sympathischer Ich-Erzähler plaudert zunächst über seinen Alltag: das Häuten von Ziegen mit einem Feuerstein, die "kleinen Rangeleien unter großem Gegrunze", die Leute, die ihre Köpfe reinstecken. Und er entrüstet sich über Janet, seine Partnerin, die verbotenerweise Englisch spricht und Kreuzworträtsel löst.

Spätestens als die Rede auf zahlende Besucher kommt, weiß der Leser, dass er in einem Themenpark gelandet ist. Die Protagonisten geben dort das Steinzeitpärchen, in einer Höhle, irgendwo zwischen Jesus Christus und dem Ausgang. Gut geht es ihnen nicht dabei; nicht nur, weil Janet einen kriminellen, drogensüchtigen Sohn hat, und das Kind des Erzählers ohne diagnostizierte Krankheit dahinsiecht. Beide sind exemplarische Opfer der vielgepriesenen amerikanischen Vollbeschäftigung. Angewiesen auf ihren mageren Verdienst, verrichten sie eine geradezu grotesk minderwertige Arbeit: McJobs in der simulierten Prähistorie, inmitten der riesigen Simulation Amerika.

Von dessen künstlichen Paradiesen erklärt sich schließlich auch der Titel. Pastoralien ist als Singular zu lesen, als ambivalenter Name des Themenparks, der mit seinen artifiziellen Flüssen und Roboterrindern etwas konstituiert, was der derzeit wieder allpräsente Jean Baudrillard "Hyperrealität" genannt hat. Demnach ginge es im Park vor allem deshalb pastoral und (prä-)historisch zu, weil er die Realität des vermeintlich realen Amerika erst erzeugt: die echten Idyllen und die echte Geschichte. Denn, so Baudrillard, die Funktion der Simulation liegt darin, zu verdecken, dass auch die Wirklichkeit eine Simulation ist. Anders gesagt: Im Kontrast zur Plastikhistorie von Pastoralien erscheint den Besuchern jene Welt real, die mit dem Parkplatz davor anfängt - und ist es doch ebenso wenig.

Saunders spielt gekonnt mit diesem Motiv; so gekonnt, dass man lachen muss. Was auch immer er bei den Exaltiertheiten zeitgenössischer französischer Philosophen geborgt hat, es bildet, wenn überhaupt, nur die unscheinbare Kulisse seiner Satiren. Dass etwa die simulierenden Höhlenmenschen täglich echte Ziegen häuten, verzehren und irgendwann sogar als Leckerbissen ansehen, mag man als hintergründigen Kommentar auf Baudrillards Theorem lesen, Hyperrealität sei wahrer als wahr. Schmunzeln jedoch wird man in jedem Fall.

Düsterer und komischer noch als in seinen Simulationen, als im Schweißgeruch von Postpuritanern, die sich abstrampeln, um vom Tellerwäscher doch wieder nur zum Tellerwäscher zu werden, düsterer und komischer erscheint dieses Amerika in seiner Sprache. Saunders entlarvt sie alle: Die hirnerweichenden Beschwörungen der corporate identity durch faschistoide Vorgesetzte - Verzeihung!: Partner, die Korrektheit, die aus einem Junkie einen "versehentlichen Rauschmittelkonsumenten" macht, die flexible Metaphorik des 'Sorge Dich nicht, lebe!': "Lass Dir nicht in Deine Haferflocken kacken!"

Der solcherlei von sich gibt, heißt Tom Rodgers und ist der Motivationstrainer in "Winky", der zweiten Erzählung. Neil, die Hauptfigur, verspricht sich viel von ihm. Nach Jahren deprimierender Heimarbeit möchte er es noch Mal wissen - und muss sich dazu natürlich zuallererst von seinem persönlichen "Haferflocken-Kacker" befreien. Rasch ist Neils Schwester und Mitbewohnerin Winky als Ziel identifiziert. Parallel zu ihren debil-rührenden Vorbereitungen für die Rückkehr des Bruders, erleben wir dessen im Seminar erlernte Selbstermutigungen: "Sie war eine Irre, der reinste Energiegully, es war ein riesiger Fehler gewesen, als er ihr anbot, bei ihm einzuziehen, und jetzt musste sie ganz einfach wieder gehen."

Man ahnt, dass Neil über ein paar Versatzstücke im inneren Monolog nicht hinauskommen wird. Die ausgehöhlte Sprache ist dabei nur ein Symptom für eine Gesellschaft, die im Ganzen so therapiebedürftig wie untherapierbar erscheint. Saunders Figuren sind beidem ausgeliefert: den gefälschten Geschichten, die sie sich über sich selbst erzählen, und jenen, die ihnen die das Land der begrenzten Möglichkeiten diktiert.

Selbst im Tod gibt es kein Entkommen. So entsteigt Tante Bernie, die gute Seele in "Sea Oak", zwar der "zweilagigen Balsa-Kiste", die ihr ihre Ersatzfamilie als Sarg spendiert hat. Doch auch ihre posthume Sozialarbeit muss scheitern. Denn abgesehen davon, dass ihr die Hand, in die sie das familiäre Schicksal nehmen möchte, alsbald abfällt, sind ihre verwahrlosten Stiefenkel längst die besseren Zombies. Sie stirbt ein zweites Mal in der Gewissheit, dass ihre Lieben die Gleichen bleiben werden: Der Ich-Erzähler wird auch künftig im Joysticks strippen, statt Jura zu studieren; die Welt seiner Schwestern weiterhin aus Fernsehshows wie Das Schlimmste, was passieren könnte oder Wie mein Kind bei einem Unfall starb bestehen; vom Nachwuchs im Haus ganz zu schweigen.

Auch wenn das Etikett gothic nur auf diese eine Erzählung passt, gespenstisch sind George Saunders Geschichten alle. Es könnten einen gruseln, müsste man nicht dauernd kichern. Wie in seinem vielfach ausgezeichneten Debüt Bürgerkriegsland fast am Ende liefert Saunders zum zweiten Mal Einblicke in die Wirklichkeit des heutigen Amerika, die möglicherweise realistischer sind, als dem Satiriker lieb sein mag. Pastorales jedenfalls wird man dort nur als Fiktion finden. Aber die ist zumindest lesenswert.


Mathias Tretter



George Saunders: Pastoralien. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Berlin Verlag. ISBN 3-8270-00394-6.

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