Hans Joachim Schädlich: Vorbei
20.05.2007
Dichtung und Wahrheit
Schädlich versetzt den Leser in seinen Künstlernovellen mit großem Einfühlungsvermögen in die fernen Epochen und entwirft neben den prägnanten Lebensbildern auch noch ein lebendiges historisches Ambiente aus Dichtung und Wahrheit.
„Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben“, schrieb einmal der französische Nobelpreisträger André Gide. Eine solch kunstvolle Form der literarischen Wahrheitssuche betreibt der 71-jährige Hans Joachim Schädlich in den drei Künstlernovellen seines Bandes Vorbei. Das verbindende Motiv der drei Texte ist der plötzliche Tod der Porträtierten.
1977 hatte Schädlich mit seinem Prosaband Versuchte Nähe das Interesse der Zensoren in der ehemaligen DDR geweckt, und nach seiner Übersiedlung in den Westen erregte er mit seinem anspruchsvollen Spitzel-Roman Tallhover (1986) reichlich Aufsehen. Nach Öffnung der Stasi-Akten hatte der gebürtige Vogtländer feststellen müssen, dass er über viele Jahre hinweg von seinem eigenen Bruder ausspioniert wurde.
In diesem höchst politischen Kontext lesen sich die neuen Texte wie ein langsamer Rückzug aufs Altenteil, wie der besinnliche Beginn eines großen Alterswerks. Ein leicht melancholischer Unterton weht durch die Zeilen, wenn von den abrupt endenden Künstlerleben die Rede ist.
Der schottische Romancier Robert Louis Stevenson (1850–1984) hatte sich auf die Südseeinsel Samoa zurückgezogen und erwartete Besuch aus seiner Heimat. Nach einer aufreibenden neunmonatigen Seereise erreichte die Delegation um Stevensons Arzt Clark ihr Ziel, doch der Schriftsteller ist wenige Tage zuvor an seinem lebenslangen Lungenleiden gestorben. Der Wunsch nach einem Wiedersehen mit alten Freunden blieb unerfüllt.
Ähnlich ist die Konstellation in der Erzählung um den Antikenforscher und Italienliebhaber Winckelmann (1717–1768). Aus Rom hatte er sich widerwillig auf den Weg nach Deutschland gemacht und schon nach wenigen Wochen wieder Sehnsucht nach Italien verspürt. Doch in die „ewige Stadt“ gelangte der begnadete Kunsthistoriker und Archäologe nicht mehr. In Triest wurde Winckelmann Opfer eines brutalen Raubüberfalls.
In der abschließenden Erzählung um den Komponisten Antonio Rosetti (1750–1792) verhindert der Tod den großen künstlerischen Durchbruch. Viele Jahre schlug Rosetti sich mehr schlecht als recht als Kapellmeister an verschiedenen Adelshäusern durch. Als anlässlich der Prager Mozart-Trauerfeier ein Requiem von ihm aufgeführt wurde, erhielt er den Ruf von König Friedrich Wilhelm II. nach Berlin. Wenig später starb er in Ludwigslust.
Schädlich versetzt den Leser mit großem Einfühlungsvermögen in die fernen Epochen und entwirft neben den prägnanten Lebensbildern auch noch ein lebendiges historisches Ambiente aus Dichtung und Wahrheit. Wenn ein bedeutender Sprachvirtuose wie Schädlich über große Künstler schreibt, dann muss beinahe zwangsläufig große Kunst entstehen.
Peter Mohr
Hans Joachim Schädlich: Vorbei. Drei Erzählungen. Rowohlt Verlag 2007. 160 Seiten. 16,90 Euro.