Der Freund des Todes
02.07.2007
Wahnvorstellungen eines Fieberkranken
Die Erzählungen von Pedro A. de Alarcón (1833–1891), die Borges für seine Bibliothek von Babel auswählte, sind empfehlenswerte Phantastik zur Rätselhaftigkeit der Existenz.
Gil ist vom Leben betrogen. Der Junge verliert erst seine Mutter und dann seinen Vater, einen Flickschuster. Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, findet der Junge ein neues Zuhause beim Grafen Ríonuevo, der ihn wie einen Sohn behandelt. Gil lernt das schöne Mädchen Elena kennen, und aus der beiderseitigen Freundschaft wird bald innigste Zuneigung. Doch dieses Glück endet, als der Graf stirbt und ihm nichts hinterlässt. Die Gräfin Ríonuevo verweigert ihm alles, und Gil kehrt dorthin zurück, wo er einst herkam. Er sinnt auf Genugtuung, hegt dunkle Gefühle gegenüber der Gräfin und denkt doch nur die meiste Zeit an die schöne Elena. In der Minute höchster Verzweiflung – er will gerade Selbstmord verüben – erscheint der Tod und bietet ihm seine Freundschaft und etwas mehr an.
Der Freund des Todes handelt vom Leben der Menschen, die ihr Dasein vergeuden und dann den Tod verfluchen, weil er wegnimmt, wofür sie niemals Dankbarkeit zeigten. „Es sind die Spielsachen, mit denen ihr die Mußestunden des Lebens ausfüllt, die Wahnvorstellungen eines Fieberkranken, die Halluzinationen eines Verrückten“, lässt Alarcón den Tod über die Menschen richten. Gil erkennt spät, dass die Ungerechtigkeiten des Lebens angesichts des Endes nichtig sind. Nachdem er alles erreicht hat und die geliebte Elena in die Arme schließt, flüchtet er vor dem Tod und damit vor dem Leben. Wie undankbar er sich zeigt, hat sein unmenschlicher Beschützer ihn doch niemals betrogen. Alarcóns Erzählung endet am Tag des Jüngsten Gerichts, an dem den Menschen die einzig bleibende Wahrheit widerfährt, und Gil bekommt die Gelegenheit zur Läuterung.
Die zweite Geschichte Die große Frau speist sich aus den Ängsten gegenüber dem Unbekannten und Erlebnissen, die mit dem Verstand nicht zu erklären sind. Die Figur Telesforo hat eine unerklärliche Angst gegenüber einer großen alten Frau, die in Verbindung zu unangenehmen Erlebnissen aus seiner Kindheit zu stehen scheint. Dunkle Vorahnungen bedrängen Telesforo angesichts der Frau, die ihn aber genauso zu fürchten scheint. Alarcón lässt offen, was hinter der merkwürdigen Beziehung zwischen diesen beiden Gestalten steckt. Es entsteht das Gefühl, dass hinter dem Vorhang der kleinen Existenz des Menschen sich viel mehr verbirgt. Das ist zugleich anziehend und abstoßend, weil es die eigene Bedeutung oder Vergänglichkeit angesichts der Schöpfung beantworten kann.
Die Erzählungen von Pedro A. de Alarcón, die Borges für seine Bibliothek von Babel auswählte, sind empfehlenswerte Phantastik zur Rätselhaftigkeit der Existenz, weil sie die berechtigte Frage zum Sinn des Daseins stellen.
Ulrich Blode
Pedro A. de Alarcón: Der Freund des Todes. Die Bibliothek von Babel Band 1. Mit einem Vorwort von Jorge Luis Borges. Aus dem Spanischen von Astrid Böhringer. Edition Büchergilde 2007. 152 Seiten. 17,90 Euro.