Vor einigen Jahren zeigte mir eine australische Mitbewohnerin ihren Europa-Band des Lonely Planet, jenes Standard-Reiseführers für den imagebewussten Alternativtouristen, dessen Anspruch auf Vollständigkeit sich nicht nur in seitenlangen Listen aller möglichen und unmöglichen Unterkünfte äußert, sondern auch in ganz entschieden kennerhaften Tipps zur interkulturellen Begegnung. Natürlich wollte ich zuerst wissen, was der vielgereiste Autor des Handbuchs, ebenfalls ein Australier, über die Eigenheiten der deutschen Kultur zu sagen hatte. Die Überraschung hielt sich in Grenzen: die Supermärkte hätten wenig Obst und Gemüse, es ginge im Miteinander eher rau, dafür ehrlich zu, das Bier sei gut, die Frauen teilweise emanzipiert, and don't mention the war.
So oder so ähnlich lauteten die Stereotypen, von denen ich, obwohl sie mir wie den meisten Deutschen natürlich geläufig waren, mit zunehmender Faszination las. Was ich bereits wusste, erschien plötzlich, sanktioniert durch die Autorität des ausländischen Reiseführers, im Licht einer nationalen Identität, die ich sonst nicht an mir bemerkte. Schließlich ertappte ich mich bei der sinnlosen Lektüre von Jugendherbergsbeschreibungen, inzwischen geradezu süchtig nach jedem Wort, mit dem der Fremde mein, unser Deutschsein umriss.
Skurrilitäten des deutschen Alltags
Diesen Reiz hätte auch Wladimir Kaminers Mein deutsches Dschungelbuch haben können. Seine Voraussetzungen waren nahezu ideal. Der erfolgreich integrierte Ausländer, der – ohne materielle Hemmnisse – seine Wahlheimat bereisen und beobachten kann, und darüber hinaus als Autor in der fremden Sprache schreibt – mehr könnte sich kein Ethnologe wünschen.
Doch Kaminer ist Satiriker. Er beschreibt die Skurrilitäten des deutschen Alltags, ohne Erkenntnisinteresse, aus der Perspektive eines mäandernden Pop-Candide, scheinbar naiv realistisch und überzeugt davon, dass die deutsche die beste aller Welten darstellt – genauso wie die russische.
Erheiternd hinzu kommt die Lächerlichkeit des Literaturbetriebs, der sich, je kleiner die Stadt, umso ernster nimmt. Wer einmal nach einer Lesung, in der unvermeidlichen Weinstube, mit Lokalredakteurinnen und 'selber schreibenden' Deutschlehrern um die Aufmerksamkeit des Lesereisenden gebuhlt hat, nur um ihm, hat man sie schließlich erlangt, zu versichern, dass man eigentlich gar nichts mehr hier verloren habe und praktisch auf dem Sprung nach Berlin sei, weiß, wie viel Komik landesweite Literaturvermittlung birgt. Einen Nachmittag lang folgt man Kaminer gerne auf diesen Spuren, auch wenn man dabei durch „liebliche Landschaften“ und ähnlich abgefackelte Wortfelder muss.
Lächerlichkeit des Literaturbetriebs
Am Ende der Reise allerdings bleibt wenig haften von den Grotesken aus der Provinz; möglicherweise, weil die Methode, die die nur erlebte, ungeformte Realität zur Satire erhebt, scheitert, sobald sie sich an unserer Nationalität festmacht. Denn das deutsche Leben unterscheidet sich zu wenig von anderen in Europa, um aus seinem – wie gut auch immer beobachteten – Alltag ein typisch deutsches Dschungelbuch stricken zu können. Dass man in Weikersheim von rührigen Kulturehrenamtlern Quittenschnaps serviert bekommt, und dass dies Destillat zwei Generationen früher vor den amerikanischen Befreiern versteckt wurde, ist so tauberfränkisch, wie es bretonisch sein könnte. Und um herauszufinden, dass in Ostdeutschland Landflucht und Arbeitslosigkeit grassieren, muss man nicht nach Quedlinburg fahren.
So schmunzeln wir also über amüsante Geschichten von fast ausschließlich netten Menschen, die manchmal Buchhändler sind. Man kann den Nachmittag auch weitaus schlimmer verbringen; z.B. wirklich etwas über Deutschland lernen – und Dieter Bohlen lesen.
Mathias Tretter
Wladimir Kaminer: Mein deutsches Dschungelbuch. Manhattan/Goldmann 2003. 192 Seiten. 18 Euro. ISBN 3-442-54554-4