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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:28

 

Fernando Sorrentino: Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren

20.02.2004



Verrückter als man selbst

Mittels skurriler Handlung, winziger Diktatoren und mechanischer Menschengestalten schreibt Fernando Sorrentino gegen die Unterdrückung an.


 

Die in dem Band “Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren” zusammengefassten Erzählungen des 1942 geborenen argentinischen Autors Fernando Sorrentino sind vollgepackt mit skurrilen Ideen. Schon nach wenigen Seiten geht einem folgender Gedanke durch den Kopf: Der Autor muss verrückter sein als man selbst.

Den Protagonisten passieren die seltsamsten Dinge, sie kommen in die unglaublichsten Situationen. So wird einer von ihnen von einer Mücke beherrscht: “Sollte ihr einfallen, mich zu töten, wird sie es auch tun. Zum Glück hat sie ihre Macht bislang nicht missbraucht: Sie setzt ihre Autorität maßvoll ein, nicht willkürlich, sagen wir eher gesetzmäßig.”

Ein anderer wird von einem Mann verfolgt, der die Gewohnheit hat, ihm mit einem Schirm auf den Kopf zu schlagen. “Außerdem ist mir in letzter Zeit klar geworden, dass ich ohne seine Schläge nicht mehr leben könnte. Inzwischen überkommt mich immer häufiger eine böse Vorahnung. Eine neue Angst martert mein Herz: Die Angst vor dem Gedanken, dass dieser Mann, wenn ich ihn am meisten brauche, fortgehen wird, und ich nicht mehr seine sanften Schirmschläge spüren werde, die mich so tief haben schlafen lassen.”

Auch dem unglückseligen Enrique Viani spielt an einem Samstag im März 1977 das Schicksal schrecklich mit: Die größte Spinne, die er bis dahin gesehen hat, sitzt auf seinem Schuh und macht sich sofort auf den Weg, unter seiner Hose das Bein hinauf zu krabbeln. In seiner Angst erstarrt Enrique völlig. Da seine Tochter, um ihren Geburtstag zu feiern, Freunde eingeladen hat, man diesen aber den Anblick des zur Statue gewordenen Vaters ersparen will, mauert man den armen Enrique kurzerhand ein. “Mir geriet Enrique Viani fast völlig in Vergessenheit. Vor ungefähr zwei Wochen fand ich jedoch endlich einen Moment Zeit, ihn besuchen zu gehen. Ich musste feststellen, dass er noch immer in seinem kleinen Obelisken wohnte, der allerdings umrankt war von Zweigen und Blättern einer wunderschönen Kletterpflanze mit blauen Glockenblüten. Ich schob ein wenig vom dichten Blattwerk beiseite und erkannte hinter dem kleinen Fenster ein Gesicht, das vor lauter Blässe schon beinahe durchsichtig war.”

Trotzdem Sorrentino mit meisterhafter Leichtigkeit zu schreiben versteht, schreibt er in vielen seiner Erzählungen gegen die Unterdrückung an. Schreibt also politische Texte in Verkleidung. Die Unterdrücker sind oft lächerlich kleine Figuren, die Unterdrückten mechanisch funktionierende Menschengestalten. Diese kritische Haltung wurde aber während der Diktatur in Argentinien (1976 – 1983) offensichtlich nicht also solche erkannt, denn seine Texte sind nie irgendwelchen Zensurmaßnahmen zum Opfer gefallen.

 


Mike Markart

 


Fernando Sorrentino: Von Skorpionen und anderen Alltagsgefahren, Hainholz Verlag, Erzählungen, 159 Seiten, ISBN 3-932622-77-4

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