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Jochen Schmidt: Meine wichtigsten Körperfunktionen

31.12.2007


Potenzierter Alltag

Was Schmidts komische Texte vor allem auszeichnet, ist das Erlebnis, Bekanntes in wiedererkennbarer und dabei verblüffender Weise gestaltet zu finden.

 

Komische Literatur in deutscher Sprache hat kein leichtes Los. Wo in der angelsächsischen Literatur Autoren wie Evelyn Waugh oder David Lodge in einer eigenen Tradition stehen, die anerkanntermaßen die Grenzen zwischen E- und U-Kultur aufhebt, müssen es ihre Verfasser hierzulande in Kauf nehmen, auf dem Markt in die Nähe des Zweifelhaften zu geraten, in die Rubrik „Humor“ oder „Humoristisches“, mit deren Etikett auch Wilhelm Busch, Christian Morgenstern oder Robert Gernhardt vermarktet werden und welches ihnen wiederum pauschal einen bestimmten Stempel aufdrückt: Komische Literatur, das Gegenteil des Seriösen. Dass dies tatsächlich mehr über die hiesige Wahrnehmung aussagt als über die Kunst, die so wahrgenommen wird, zeigt sich nicht zuletzt an Woody Allen, der in Deutschland ebenfalls zuallererst als Komiker gehandelt wird.

Auch Jochen Schmidt (Jg. 1970) gilt seit seinem Debüt als Autor komischer Literatur, und inwieweit diese Festlegung seinen Texten gerecht wird, sei dahingestellt. Sein neuer Erzählband lässt indessen ahnen, warum das so ist. In 32 kurzen Prosastücken schildert das Erzähler-Ich Neurosen und Alltäglichkeiten als seine wichtigsten Körperfunktionen.
Das Verfahren, um nicht zu sagen das Strickmuster, bleibt sich dabei weitgehend gleich: Eine gewöhnliche Verrichtung oder Situation wird beschrieben und ins Extrem getrieben. Dies geschieht mehrfach innerhalb eines Textes wie insgesamt. Um beispielsweise seine Unflexibilität möglichst anschaulich zu machen, kommt der Erzähler auf sein Liebesleben zu sprechen und erklärt: „Ich bin nun mal ein Gewohnheitstyp. Weil ich so lange allein gelebt habe, war ich bei meiner ersten Freundin oft kurz davor, die Polizei zu rufen, wenn ich nach hause kam und Geräusche hörte. Trotzdem hatte ich mich irgendwann so an sie gewöhnt, daß ich bei meiner nächsten Freundin immer ins Leere traf, wenn ich sie küssen wollte, sie hatte nicht die gleiche Größe. Immerhin hieß sie genau wie die vorige, so daß ich mich nicht umstellen mußte. Ich nannte sie Sabine 96, nach dem Jahr, aus dem sie stammte. Weil sich das System bewährt hat, habe ich auch danach nur Sabines genommen, im großen und ganzen bin ich damit gut gefahren.“

Einnehmende Beiläufigkeit

Das Prinzip ist nicht schwer zu durchschauen und man darf vermuten, woher es stammt und welchem Zweck es ursprünglich diente, teilt doch der Klappentext mit, Jochen Schmidt lese jede Wochen in der „Chaussee der Enthusiasten“ in Berlin. Es liegt nahe, dass viele der versammelten Texte ursprünglich für den mündlichen Vortrag konzipiert und dabei auf einen Lacher pro Abschnitt angelegt wurden. „Ich kann aber nicht auf Befehl lachen“ behauptet der Erzähler, angesichts von Fernsehsendungen, deren Ziel darin besteht, die Zuschauer „zum Lachen zu verführen“. Es ist nur allzu gut vorstellbar, an welchen Stellen von Schmidts Buch das Publikum in einem Multiplexkino wie auf Kommando synchron in Gelächter ausbräche oder wo in einer Sitcom Lacher vom Band eingespielt würden, doch glücklicherweise lässt das Medium derartiges nicht zu, und so gibt es nur echte Lacher, oder – was mindestens so viel wert ist und komische Literatur wie alle andere Literatur auszeichnet – das Erlebnis, Bekanntes in wiedererkennbarer und dabei verblüffender Weise gestaltet zu finden. Und so sind es nicht die Pointen, die für Schmidts Texte einnehmen, sondern die Beiläufigkeiten, auf die der Leser nicht mit der Nase gestoßen wird. Etwa eine Bemerkung über automatische Drehtüren in großen Einkaufszentren: „Ihre Drehgeschwindigkeit ist so eingestellt, daß der langsamste theoretisch denkbare Gehbehinderte bequem mitlaufen kann. Früher gingen alle Geräte etwas schneller, wenn man daran zog, rüttelte oder schob. Aber wenn man die Drehtür anschiebt, bleibt sie stehen.“ Oder, auch im Zusammenhang mit der Körperfunktion Ungeduld, die Überlegungen zum Wetterbericht: „Und auch innerhalb des Wetterberichts gibt es noch eine Steigerung der Langeweile, die Windgeschwindigkeit. ... Außerdem tun sie neuerdings so, als müßten sie sich bei einem entschuldigen, wenn die Sonne nicht scheint. Irgendwann werden sie nur noch das gute Wetter ansagen, um keine Werbekunden zu vergraulen. Wahrscheinlich könnte man den Wetterbericht nur abschaffen, indem man das Wetter abschafft. Ein angenehmer Nebeneffekt des Treibhauseffekts könnte die Befreiung der Menschheit vom Wetterbericht sein.“ Zu beanstanden, dass dem Buch im Ganzen diese gedankliche Tiefe eher mangelt, würde bedeuten, es mit einem Anspruch zu konfrontieren, den es selbst nicht erhebt. Dies wiederum macht allerdings klar, in welche literarische Kategorie es unzweifelhaft gehört: Unterhaltung.

Andreas Martin Widmann


Jochen Schmidt: Meine wichtigsten Körperfunktionen. C.H. Beck 2007. 144 Seiten. 16,00 Euro.

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