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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:29

 

Larissa Boehning: Schwalbensommer

20.02.2004



Keine Energie für Leidenschaft

In ihrem Erstling bleibt Larissa Boehning hinter den Erwartungen zurück und liefert mehr Leerstellen als die versprochenen Einblicke in eine Generation.


 

Im Dezember 2002 las Larissa Boehning beim „Open Mike“ eine Geschichte, die Globsch hieß. Der Globsch war ein fetter Bademeister, der sich an eine Kinderliebe erinnerte; die Geschichte war eine der lebendigsten, die beim Wettbewerb vorgetragen wurden. Damals hatte Larissa Boehning auch gerade das Autorenwerkstatt-Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin hinter sich, wo unter fachkundiger Anleitung an eigenen Texten gearbeitet wird. Das Ergebnis ist jetzt nachzulesen in ihrem ersten Erzählband.

Die Kinder der „Start-up“-Generation
Der Einband macht schon etwas misstrauisch: Da sitzt ein hippes Mädchen im Anorak auf einer Wiese, und zwar auf einem Stuhl, der aus einer Berliner Szenebar stammen könnte. Im Klappentext erfährt der Leser, dass die Protagonisten „die Kinder der deutschen Start-up-Generation“ sind und die Geschichten in Berlin, Tucson und Tel Aviv spielen: „Sie genießen das Leben in vollen Zügen, doch sie balancieren wie Seiltänzer stets über dem Abgrund.“ Boehning zeichne „ein Bild ihrer Generation“. Damit ist die Linie vorgegeben, aber zum Glück geht es nur in einer Geschichte um geschasste Texter, Grafiker und anderes hippes Volk. In vielen Erzählungen erfährt man gar nicht erst, womit die Protagonisten ihr Geld verdienen. Hauptsächlich wird viel geredet, über die Liebe bzw. die Möglichkeit des Liebens: „Könntest du dir vorstellen, dass wir uns lieben?“ fragt einer; in einer anderen Geschichte heißt es: „Es könnte sein“, sagte ich zu Sander, „dass ich mich in dich verliebe.“ Woher er denn das Wissen nehmen solle, dass man einen Menschen liebt (gemeint ist wohl: Gewissheit), fragt Sander zurück.

Blutarme Selbstbezogenheit
In ihrer Selbstbezogenheit wirken Boehnings Figuren wie blutarme Geschöpfe, die alles mit sich geschehen lassen. Das Verrückteste, was jemand in diesem Buch macht, ist, sich auf den Bürgersteig zu legen. Diese jungen Menschen werden nie Initiative ergreifen, weil sie die Energie zur Leidenschaft nicht aufbringen. Sie reicht gerade mal, um darüber zu reden.

Diese Gespräche setzt Boehning in mehr oder weniger exotische Kulissen, aber eigentlich könnten sie überall stattfinden, auch in einem leeren Zimmer. Bestimmend ist die Unbeständigkeit der eigenen Wünsche, die Verschwommenheit der eigenen Person: „Ich würde mich gerade gerne ganz neu erfinden, meine ganze Familie,“ entfährt es einer jungen Frau, die mit ihrer Schwester nach Tel Aviv gereist ist, einfach so, ohne Grund, nachdem der Vater die Mutter verlassen hat.

Das Geschehen scheint sich oft wie hinter Glas abzuspielen. Es gibt keine Körpersäfte, keine Sinnlichkeit, kaum Gerüche, Geräusche oder haptische Erlebnisse. Ausnahme bildet die Erzählung Streichholzkathedralen. Hier geht es nicht um Twentysomethings, sondern um zwei alte Männer, die in der Schrebergartenkolonie zusammenleben und sich an eine tote Frau erinnern, die des einen Gattin, des anderen Schwester war. Hier baut Boehning wirklich ein „Milieu“ auf, wie es der Klappentext verspricht, entsteht Spannung zwischen den Personen durch das Ungesagte. Aber eine Schwalbe macht noch keine Sommer: In den anderen Erzählungen sind die Leerstellen oft einfach nur weiße Flecken, die kein Geheimnis bergen.


Mascha Kurtz

 


Larissa Boehning: Schwalbensommer. Erzählungen. Eichborn 2003. Gebunden. 157 Seiten. 17,90 Euro. ISBN 3-8218-0736-9

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