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Adolf Muschg: Wenn es ein Glück ist

03.02.2008


Der Eismann unter dem Mond


Adolf Muschgs Figuren sind Gefangene eines kleinen gesellschaftlichen Mikrokosmos', Knechte des Augenblicks, die in ihrem unendlichen Leiden die raren Glücksmomente in vollen Zügen genießen.

 

23 vom Autor selbst ausgewählte Erzählungen (verfasst zwischen 1964 und 2002) enthält der neue Band von Adolf Muschg, ehemaliger Literaturprofessor in Zürich und bis 2005 Präsident der Berliner Akademie der Künste. Liebesgeschichten werden uns im Untertitel avisiert, doch das ist leicht irreführend, denn das Gros der Texte handelt von Schmerzen und Verlusten, von gebrochenen Herzen und bisweilen krankhaften Obsessionen.

Auffällig an diesen chronologisch angeordneten Texten ist Muschgs schon früh ausgeprägte sprachliche Meisterschaft und sein ausgeprägtes Gespür für zwischenmenschliche Konflikte. Ob in Neuseeland, Argentinien, Japan, Indien oder in einem Bergdorf - überall lauern die kleinen Katastrophen, die unter Muschgs Feder nicht selten einen skurrilen Anstrich erhalten.

Im ersten Text ("Atsuko soll heiraten") begegnen wir einer 22-jährigen Japanerin am Rande von Tokio. Ihr weitgereister sechs Jahre älterer Bruder will sie verkuppeln und preist die Vorzüge der japanischen gegenüber der europäischen Hochzeit. Seinen ehemaligen Mitschüler Hideo, einen langweiligen Kernphysiker, hat er in seiner Rolle als Ehevermittler ausgewählt. Gekka hyo jiin wird diese unkonventionelle Funktion im Japanischen genannt - eine äußerst poetische Metapher, die übersetzt "Eismann unter dem Mond" bedeutet.

Emotional eisig geht es häufig zu. Ein sterbender siamesischer Zwilling berichtet über sein qualvolles Leben an der Seite seines Bruders, von dem man ihn nicht trennen konnte ("Schluß mit der Tierquälerei"); eine junge Krankenschwester fühlt sich von einem Medizinstudenten allzu arg bedrängt ("Besuch in der Schweiz"); ein Häftling sitzt in seiner Zelle und wartet auf seine Hinrichtung, eine todkranke Frau lehnt die Behandlung ihres Krebsleidens ab; eine verstörte Figur berichtet über sexuellen Missbrauch und einen Mord; ein einstiges musikalisches Wunderkind lässt sich von unbedarften Hotelgästen feiern; und ein gescheiterter Philosophiestudent verliert seinen Job als Bodyguard.

Fein skizzierte Katastrophengemälde

Nein, das sind keine konventionellen Liebesgeschichten, sondern fein skizzierte, erzählerische Katastrophengemälde. "Der Freie ist derjenige, der vorausdenkt", heißt es in einem der Texte. Doch gerade an dieser Fähigkeit mangelt es den Figuren. Sie sind Gefangene eines kleinen gesellschaftlichen Mikrokosmos', Knechte des Augenblicks, die in ihrem unendlichen Leiden die raren Glücksmomente in vollen Zügen genießen. Beim 73-jährigen Adolf Muschg geht es weniger um Erotik als vielmehr um kläglich gescheiterte Kommunikationsbemühungen. Die Gesellschaft und die Privatsphäre befinden sich in permanenter Interaktion. Und wenn es dann doch einmal zum kurzen Augenblick des Glücks kommt, spitzt Muschg die Szenerie bizarr zu: beim Autosex einer Todkranken auf einem verschneiten Waldweg und beim Deserteur, der sich mit seiner einbeinigen, ehemaligen Französischlehrerin einlässt.

Muschgs gesammelte Erzählungen beeindrucken auch durch ihre Polyphonie, durch sein enormes imitatives Talent. In "Der Zusenn oder das Heimat" lesen wir den aufwühlenden Brief eines angeklagten, einfältigen verwitweten Bergbauern, der sich des Inzests schuldig gemacht hat.
Fremdkörper hieß ein 1968 erschienener Erzählband von Muschg, aus dem drei Texte im neuen Band enthalten sind. Wie Fremdkörper bewegen sich auch die meisten seiner literarischen Figuren durchs Leben, ewig suchend nach ein wenig Halt und Geborgenheit in einer eisigen Welt.

Peter Mohr


Adolf Muschg: Wenn es ein Glück ist. Liebesgeschichten. Suhrkamp Verlag 2008, 429 Seiten. 22,80 Euro.

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