Es hat drei Autoren und eine lange Entstehungsgeschichte. Kurz nach dem Ende der kommunistischen Regierungen in Osteuropa, 1991, brach der Ungar Imre Kertész zu einer Reise von Budapest nach Wien auf. Er wollte dort an einem Empfang teilnehmen, doch dazu kam es nicht. Seine Erfahrung dieser missglückten Reise verarbeitete er in einer kurzen Novelle. Darin möchte ein Schriftsteller kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs mit dem Zug von der ungarischen in die österreichische Hauptstadt fahren. Es gelingt ihm nicht, denn obwohl die Grenze nach Westeuropa mittlerweile offen ist, wird der Reisende, vorgeblich wegen unrichtig deklarierter Devisen, die er bei sich führt, von den im Zug kontrollierenden Zöllnern zurückgeschickt. In Hegyeshalom muss er aussteigen, sein Geld wird beschlagnahmt und dem Erzähler scheint es, als würde darin, in der Einschüchterung durch die Autoritäten, denen er nicht ausreichend Widerstand entgegenzusetzen hat, die Geschichte seines Lebens sinnfällig. Ihm ist, als verstünde er nun, da das Maß seiner Leidensfähigkeit voll ist, alles. „Ich habe die Fähigkeit zum Dulden verloren, ich bin nicht mehr verwundbar. Ich bin verloren. Dem Anschein nach fahre ich mit diesem Zug, aber der Zug befördert nur noch einen Leichnam. Ich bin tot.“ Das
Protokoll (so der Titel) dieser Zugfahrt ruft eine literarische Antwort hervor. Kertész’ Landsmann Peter Esterházy schreibt ein Jahr später ebenfalls eine Erzählung, die aus Sicht eines Schriftstellers eine Zugreise nach Wien schildert. Er nennt sie
Leben und Literatur. So beginnt ein intertextueller Dialog. Esterházys Geschichte nimmt die Motive von Kertész auf, auch seinem Ich-Erzähler begegnet ein Zollbeamter, und in diesem Moment fühlt er sich als Figur der Kertész-Novelle. Doch er lässt sich nicht einschüchtern, sondern schleudert dem Kontrollierenden die Wahrheit entgegen, dass er mehr Geld bei sich trage als erlaubt, er erbost sich als „der noch freiere Sohn eines noch freieren Landes, sich aalend in Haltung und Würde“, und er darf passieren.
Variationen einer HandlungIngo Schulze, der beide Texte kennt, möchte der dritte in diesem Bunde sein. Er nimmt sich vor, „von mir zu sprechen und davon, dass das Leben die Tendenz aufweist, die Literatur nachzuahmen“. Sein Erzähler, abermals einer, der vom Autor nicht klar zu unterscheiden ist, macht noch eine Drehung mehr. Er ahmt tatsächlich die Kunst nach, und zwar, um sich Inspiration zu verschaffen – um schreibend nachträglich wieder das Leben nachahmen zu können. Er besteigt in Budapest den Zug, verbringt wenige Stunden in Wien, wo er seine ehemalige Lebensgefährtin trifft, und fährt anschließend wieder zurück. Zwar kennt auch er, aus Zeiten der DDR, die Schikanen, mit denen Reisende zu rechnen hatten, doch diese Erinnerungen bleiben, was sie sind, er wird nicht behelligt. Auf der Rückfahrt verweigert jedoch die Border Guard einem anderen Passagier die Einreise nach Ungarn ... Das Ergebnis seiner Reise ist
Noch eine Geschichte, die schon in Schulzes Band
Handy (2006) enthalten war.
Variationen einer Handlung sind die drei nun nebeneinander zu lesenden Geschichten stilistisch völlig verschieden. Kertész’ Ton ist nüchtern, kühl, protokollierend, Esterházy holt zu langen, geschachtelten Perioden aus, und Schulze liegt gewissermaßen in der Mitte zwischen beiden, er verbindet die Selbstreflexion von Esterházy mit der sprachlichen Geradlinigkeit von Kertész. Das Interessanteste aber sind die Zwischentöne, die sich aus der komplementären Lektüre ergeben. Es ist der Zusammenklang der Autorenstimmen mit ihrem Echo, der jeden einzelnen Text insgesamt in ein anderes Licht stellt und gleichsam öffnet. Das Spiel lässt sich fortsetzen, auch in Gedanken. Ein junger Autor könnte diesen schmalen Band im Zug von Budapest nach Wien lesen und davon schreiben. Das wäre noch eine Geschichte.
Andreas Martin Widmann
Imre Kertész, Peter Esterházy, Ingo Schulze: Eine, zwei, noch eine Geschichte(n). Berlin Verlag 2008. 95 Seiten. 12,00 Euro.