Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 19:30

 

Kertész, Esterházy, Schulze: Eine, zwei...

10.03.2008


Echo-Abteil

Eine von zahllosen Metaphern für das Wesen der Literatur besagt, Literatur sei eine Echokammer. Sie bedient sich eines Wortes von James Joyce, und wie treffend sie ist, zeigt einmal mehr dieses Buch.

 

Es hat drei Autoren und eine lange Entstehungsgeschichte. Kurz nach dem Ende der kommunistischen Regierungen in Osteuropa, 1991, brach der Ungar Imre Kertész zu einer Reise von Budapest nach Wien auf. Er wollte dort an einem Empfang teilnehmen, doch dazu kam es nicht. Seine Erfahrung dieser missglückten Reise verarbeitete er in einer kurzen Novelle. Darin möchte ein Schriftsteller kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs mit dem Zug von der ungarischen in die österreichische Hauptstadt fahren. Es gelingt ihm nicht, denn obwohl die Grenze nach Westeuropa mittlerweile offen ist, wird der Reisende, vorgeblich wegen unrichtig deklarierter Devisen, die er bei sich führt, von den im Zug kontrollierenden Zöllnern zurückgeschickt. In Hegyeshalom muss er aussteigen, sein Geld wird beschlagnahmt und dem Erzähler scheint es, als würde darin, in der Einschüchterung durch die Autoritäten, denen er nicht ausreichend Widerstand entgegenzusetzen hat, die Geschichte seines Lebens sinnfällig. Ihm ist, als verstünde er nun, da das Maß seiner Leidensfähigkeit voll ist, alles. „Ich habe die Fähigkeit zum Dulden verloren, ich bin nicht mehr verwundbar. Ich bin verloren. Dem Anschein nach fahre ich mit diesem Zug, aber der Zug befördert nur noch einen Leichnam. Ich bin tot.“ Das Protokoll (so der Titel) dieser Zugfahrt ruft eine literarische Antwort hervor. Kertész’ Landsmann Peter Esterházy schreibt ein Jahr später ebenfalls eine Erzählung, die aus Sicht eines Schriftstellers eine Zugreise nach Wien schildert. Er nennt sie Leben und Literatur. So beginnt ein intertextueller Dialog. Esterházys Geschichte nimmt die Motive von Kertész auf, auch seinem Ich-Erzähler begegnet ein Zollbeamter, und in diesem Moment fühlt er sich als Figur der Kertész-Novelle. Doch er lässt sich nicht einschüchtern, sondern schleudert dem Kontrollierenden die Wahrheit entgegen, dass er mehr Geld bei sich trage als erlaubt, er erbost sich als „der noch freiere Sohn eines noch freieren Landes, sich aalend in Haltung und Würde“, und er darf passieren.

Variationen einer Handlung

Ingo Schulze, der beide Texte kennt, möchte der dritte in diesem Bunde sein. Er nimmt sich vor, „von mir zu sprechen und davon, dass das Leben die Tendenz aufweist, die Literatur nachzuahmen“. Sein Erzähler, abermals einer, der vom Autor nicht klar zu unterscheiden ist, macht noch eine Drehung mehr. Er ahmt tatsächlich die Kunst nach, und zwar, um sich Inspiration zu verschaffen – um schreibend nachträglich wieder das Leben nachahmen zu können. Er besteigt in Budapest den Zug, verbringt wenige Stunden in Wien, wo er seine ehemalige Lebensgefährtin trifft, und fährt anschließend wieder zurück. Zwar kennt auch er, aus Zeiten der DDR, die Schikanen, mit denen Reisende zu rechnen hatten, doch diese Erinnerungen bleiben, was sie sind, er wird nicht behelligt. Auf der Rückfahrt verweigert jedoch die Border Guard einem anderen Passagier die Einreise nach Ungarn ... Das Ergebnis seiner Reise ist Noch eine Geschichte, die schon in Schulzes Band Handy (2006) enthalten war.

Variationen einer Handlung sind die drei nun nebeneinander zu lesenden Geschichten stilistisch völlig verschieden. Kertész’ Ton ist nüchtern, kühl, protokollierend, Esterházy holt zu langen, geschachtelten Perioden aus, und Schulze liegt gewissermaßen in der Mitte zwischen beiden, er verbindet die Selbstreflexion von Esterházy mit der sprachlichen Geradlinigkeit von Kertész. Das Interessanteste aber sind die Zwischentöne, die sich aus der komplementären Lektüre ergeben. Es ist der Zusammenklang der Autorenstimmen mit ihrem Echo, der jeden einzelnen Text insgesamt in ein anderes Licht stellt und gleichsam öffnet. Das Spiel lässt sich fortsetzen, auch in Gedanken. Ein junger Autor könnte diesen schmalen Band im Zug von Budapest nach Wien lesen und davon schreiben. Das wäre noch eine Geschichte.

Andreas Martin Widmann


Imre Kertész, Peter Esterházy, Ingo Schulze: Eine, zwei, noch eine Geschichte(n). Berlin Verlag 2008. 95 Seiten. 12,00 Euro.

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...