Am 31. Juli wird Cees Nooteboom 75 Jahre alt. Gewissermaßen im Vorgriff auf dieses Ereignis hat der 1933 in Den Haag geborene Schriftsteller seinen Lesern bereits ein Geschenk gemacht:
Roter Regen, einen autobiographischen Band mit „leichten Geschichten“, wie der Untertitel verspricht. Diese Leichtigkeit ist nicht nur inhaltlich zu verstehen, sondern auch in formaler Hinsicht. Mit Leichtigkeit verbindet Nooteboom frühere und heutige Ereignisse, Reisen, Abschiede, Ankünfte, Erfahrungen und Erlebnisse.
Ob es um die Sommer auf Menorca geht, um Nachbarn, Postboten oder Kulinarisches: Stets erweist Nooteboom sich als differenzierter Beobachter, der zugleich mitten im Geschehen steht. Eine Konsequenz des Lebens an wechselnden Orten – in den Niederlanden, auf der Baleareninsel oder auf den zahllosen Reisen einst und jetzt – veranschaulicht er in „Der Gärtner ohne Garten“: „Ein Garten, der einem am Herzen liegt, um den man sich aber einen Großteil des Jahres nicht kümmern kann, hat etwas Trauriges.“ Und so bekennt Nooteboom: „Es hat Jahre gebraucht, bis ich meinen Garten auch nur ansatzweise verstand und seinen Groll ob meiner Abwesenheit ertragen konnte.“ Neben dem Reisen und dem Wechselspiel von An- und Abwesenheiten ist das Älterwerden übergreifendes Thema der „Leichten Geschichten“. An einer Stelle fragt Nooteboom direkt: „Wann ist man alt?“ Unabhängig davon zieht er immer wieder Bilanz – auch im Hinblick auf seine Bücher und deren Hintergrund, etwa seinen Erstlingsroman
Philip und die anderen von 1955 (dt. 1958).
Entstanden ist ein sehr persönliches Buch, das als Plädoyer für das Leben, das Erinnern und das Erzählen gelesen werden kann. Das Unterwegssein ist von elementarer Bedeutung für den Schriftsteller; davon zeugen nicht nur eine Vielzahl von Reisetexten im engeren Sinne, sondern auch die großartigen Romane und Erzählungen, in denen mögliche und unmögliche Ortswechsel eine zentrale Rolle spielen; erinnert sei hier lediglich an
Die folgende Geschichte (1991), deren Protagonist Herman Mussert in Amsterdam zu Bett geht und in Lissabon aufwacht. Gewiss: Wer Nootebooms Werke kennt, wird in
Roter Regen zunächst wenig Neues entdecken. Vieles mag man so oder so ähnlich schon einmal gelesen haben. Doch spricht dies keineswegs gegen das Buch. Denn aus den Geschichten, liest man sie im Zusammenhang, ergibt sich ein eigenes Bild: Konsequent schreibt der Autor weiter an einem großen Text – seinem Lebenstext –, den er immer wieder betrachtet, reflektiert und in neuer, aktualisierter Form zu Papier bringt.
Die Baleareninsel mit ihrem Garten ist ein Ort der Schönheit und der Sehnsucht, nicht aber der Verklärung. Vielmehr ist Menorca ein ruhender Pol, der Nooteboom gedankliche Reisen und zweifellos zutreffende Einsichten wie die folgende ermöglicht: „Es ist eine Form von Hochmut, einem früheren Ich schlechtes Benehmen übelzunehmen, vor allem wenn dieses frühere Ich erst vierundzwanzig Jahre alt war und sich von einem Vierundsiebzigjährigen nicht gern sagen lassen will, wie es sich vor fünfzig Jahren hätte benehmen sollen.“
Frank Thomas Grub
Cees Nooteboom: Roter Regen. Leichte Geschichten. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. Mit Zeichnungen von Jan Vanriet. Suhrkamp Verlag 2007. 244 Seiten. 19,80 Euro.