„Noch heute, unterwegs auf der österreichischen A4 von Westen nach Budapest, kann man vor der ungarischen Grenze, auf der Höhe der Ausfahrten Fischamend, Bruck oder Parndorf, eine beunruhigende Reiseerfahrung machen“. So beginnt Stephan Wackwitz´ „Osterweiterung“, eine kluge, weltläufige, zugleich ungemein anregende Essaysammlung mit dem Untertitel „Zwölf Reisen“. Was die Einleitung auf subtile Weise ausbreitet – ein diffuses Staunen über ein verändertes Bewusstsein jenseits der Grenzen der „Alten Welt“, ein behutsames Umkreisen fremdartiger Regionen im zeitgenössischen europäischen Kernland – beleuchtet der Autor in den folgenden Texten aus den unterschiedlichsten Blickwinkel. Nach Stationen in Frankfurt und München, New Delhi und Tokyo leitete Wackwitz in den letzten Jahren die Goethe-Institute in Krakau und Bratislava. Dabei entpuppt sich der studierte Germanist und Historiker durch und durch als der geborene Flaneur: scheinbar zweckfrei, scheinbar ohne Zeitnot spaziert er über einen winterlichen Schlosspark am Neusiedler See, schlendert er durch die riesigen Hallen eines Krakauer Kunstmuseums, erkundet er die weit verzweigten Suburbs von Bratislava.
Kattowitzer GefühlWackwitz ist ein umfassend belesener, enzyklopädisch gebildeter Mensch, gelehrt auf eine Weise, wie sie heutzutage fast schon aus der Mode gekommen ist. Seine Texte sind gespickt mit Zitaten, Referenzen, Querverweisen und Andeutungen – jedoch nie prahlerisch, nie zu dick aufgetragen. Wer den sorgsam recherchierten Hinweisen nicht unwillkürlich folgen kann, verspürt zumindest das tiefe Bedürfnis, den ausgelegten Fährten nachzugehen, die vagen Fingerzeige zu beachten. Ob es sich nun um eine Anspielung auf Kafka oder Kavafis, auf Robert Musil oder Ry Cooder, auf Theodor Adorno oder Woody Allen handelt.
Die Landkarte, die Wackwitz vor uns aufklappt, ist bunt markiert mit den Fähnchen des Entdeckers; es liegt beim Leser, sich diese
terra incognita im Windschatten des Autors zu erobern. Und das lohnt sich! Nur wenige Essayisten vermögen einem Sinneseindruck derart detailgenau auf den Grund zu gehen, wie es zum Beispiel im „Kattowitzer Gefühl“ beschrieben wird. Einer ganz unerklärlichen Heimatanmutung folgend, erkennt Wackwitz hier mit schlafwandlerischer Sicherheit die historische und architektonische Verwandtschaft zwischen Ruhrgebiet und Oberschlesien, zwei Regionen, die gut tausend Kilometer von einander entfernt liegen.
Auch Unerforschtes im scheinbar Bekannten weiß Wackwitz gekonnt aufzudecken. So beschreibt er Julia Zavacka, die Mutter Andy Warhols, als „lebendes Weltkulturerbe der postmodernen Menschheit“. Erkennt die tschechische Stadt Telč als Drehort von Werner Herzogs Woyzeck-Fim wieder. Oder erklärt die Gegend östlich von Wien treffend als „Loch in der Welt“. Selbst persönliche Erfahrungen – die schmerzhafte Trennung von seinem Sohn, wohlige Erinnerungen an Adria-Ferien, meditatives Musikhören während langer Autofahrten - verwebt er geschickt mit Orten, Regionen und Ländern zu einem umfassenden, einzigartigen Gesamtgebilde.
„Osterweiterung“ ist kein Buch, das man nahtlos an einem Stück verschlingt, eher lässt man die sorgsam geschliffenen Sätze langsam und behaglich auf der Zunge vergehen, spürt dem Klang der Worte nach und den sensiblen Empfindungen.
Ingeborg Jaiser
Stephan Wackwitz: Osterweiterung. Zwölf Reisen.
Frankfurt am Main: Fischer, 2008. 220 Seiten.
17, 90 ¤
ISBN 978-3-10-091057-8