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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:32

 

Deborah Eisenberg: Rache der Dinosaurier

28.04.2008


Dämmerung der Superhelden

Patchworkfamilien, zufällige Wohngemeinschaften, unbeholfene Ersatzmütter und demente Alte: die Menschen in Deborah Eisenbergs neuer Sammlung von Erzählungen wirken allesamt etwas deplatziert, unsicher und aus der Bahn geworfen.

 

Als ich 1989 zufällig Deborah Eisenbergs ersten Erzählband Reisen mit leichtem Gepäck in die Hände bekam, war ich von Grund auf wie elektrisiert – noch gut eine Dekade vor der Wiederentdeckung amerikanischer Meistererzähler wie Raymond Carver oder dem Beginn der deutschen Fräuleinwunder-Literatur rund um Judith Hermann (die interessanterweise wie Deborah Eisenberg als Kellnerin gejobbt hat). Die Kritik war sich einig: hier legte jemand präzise und pointiert die Innen- und Außenwelt amerikanischer Großstädter offen, mit scharfem Blick und geschliffener Sprache. In den folgenden 20 Jahren erschienen vier weitere Bände mit Kurzgeschichten von Deborah Eisenberg, fast allesamt bevölkert von Personen, die offensichtlich ständig unterwegs sind, auf dem Sprung, auf der Suche, auf Reisen, im seelischen und körperlichen „Transit“ (wie die „NZZ“ treffend bemerkte), nervös und exzentrisch, unruhig und unsicher. Anfangs habe ich nach einem Gesicht zu diesen eigenwilligen Stories gesucht, doch das war nicht einfach in der Prä-Internet-Ära. So prägte sich eine Schwarzweiß-Fotografie ein, die auf der Rückseite von Reisen mit leichtem Gepäck abgedruckt war: darauf ist eine Frau mittleren Alters zu sehen, mit struppigem, asymmetrisch geschnittenem Haar, die dunkel geschminkten Lippen trotzig aufeinander pressend, so als ob die Autorin nichts über sich selbst preisgeben wollte und beharrlich auf ihre literarischen Werke verwies.

Als Rache der Dinosaurier ist nun Deborah Eisenbergs jüngste Prosasammlung in deutscher Übersetzung erschienen (schade, dass hier der feinsinnige Originaltitel Twilight of the Superheroes nicht zu Grunde gelegt wurde). Nur auf den ersten Blick bedient sich die Autorin typisch amerikanischer Sujets: dem Schrecken des 11. Septembers, Familientreffen zu Thanksgiving, langen Fahrten über den Kontinent. Wenig an diesen Stories ist rund und harmonisch, stimmig und vorhersehbar – stets treibt sich ein spitzer Keil des Unwohlseins, der bösen Überraschung in den beständigen Fluss der Geschichten. Genau genommen ist nichts so, wie es anfänglich scheint. Die vermeintliche Realität arbeitet mit doppeltem Boden und heimlichen Taschenspielertricks. Dabei ahnen die Personen dieser Geschichten nichts Böses, lassen sich eher naiv und gutgläubig auf ein Leben ein, über das sie doch längst die Kontrolle verloren haben.

Lesbenpaare und Yuppie-WGs

In „Dämmerung der Superhelden“ – der Titelstory des englischen Originals und der Ouvertüre zu dieser Geschichtensammlung – versammelt sich zum Millenniumswechsel eine heil- und ziellos zusammengewürfelte Gruppe von Menschen in einem schicken New Yorker Loft, das eigentlich dem japanischen Geschäftsmann Matsumoto gehört, der jedoch in seinem Heimatland gerade auf bessere Zeiten hofft. Man muss diese Erzählung mehrfach lesen, um alle Facetten, alle Erzählebenen auszuloten: nicht der Beginn eines neuen Jahrtausends führt in die Katastrophe, sondern ein beliebiger Tag danach; nicht die zufällige Zweckgemeinschaft einer Yuppie-WG führt zur Identitätsfindung, sondern die bloße Reduktion auf das individuell Erlebte. Am Ende kehrt Herr Matsumoto in seine Luxuswohnung hoch über Manhattan zurück „und die Aussicht von der Terrasse ist unverändert, abgesehen von dieser komischen Leerstelle, wo früher die Türme standen“.

Vielleicht ist die Leerstelle ein durchgehendes Motiv, das alle Kurzgeschichten dieses Bandes wie ein magisches Motto durchzieht? In „Ein anderer, besserer Ort“ haben sich William und Otto als homosexuelles Paar zusammengerauft, hinterfragen ihr persönliches Arrangement jedoch erneut angesichts eines Familientreffens zu Thanksgiving, angesichts eines befreundeten, scheinbar glücklichen Lesbenpaars, das ein Mädchen adoptiert hat. „Wolltest Du ein Baby?“, fragt Otto vorsichtig nach, „habe ich Dein Leben ruiniert? Ich war zu selbstsüchtig, Dich jemals zu fragen, ob Du eines willst, und ich bin zu selbstsüchtig, um selbst eines zu wollen. Ich kämpfe nicht für, sondern gegen meine eigene DNA.“Rache der Dinosaurier führt fünf meisterhaft komponierte Stories zusammen, die einerseits von ihren schonungslosen, zuweilen unterschwellig boshaften Dialogen leben (grandios: die Abendessenszene in „Der Fehler im Design“), andererseits von jener sirrenden, flirrenden, pulsierenden Atmosphäre, die Deborah Eisenberg wie kaum ein anderer Autor herbeizuzaubern vermag.

Ingeborg Jaiser


Deborah Eisenberg: Rache der Dinosaurier (Twilight of the Superheroes). Übersetzt aus dem Amerikanischen von Nikolaus Hansen und Thomas Überhoff. Hanser 2008. 218 Seiten. 17,90 Euro.

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