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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:32

 

Helmut Krausser: Schmerznovelle

20.02.2004



Das Verhängnis des Eros

Erotik, Anziehung, Sex, Tod - das alte Spiel, aber die alten Regeln gelten nicht: Ein Sexualtherapeut verliert die Fähigkeit, zwischen Privatleben und Beruf zu trennen, und verfällt der merkwürdigen Johanna.


 

Ein namenlos bleibender Psychotherapeut, spezialisiert auf sexuelle Abnormitäten, gerät in seinem halb als Urlaub, halb als Pflichtbesuch bei seinem Doktorvater angelegten Ausflug in den Bann einer merkwürdigen Unbekannten. Aus anfänglicher Neugier des Mittdreißigers wird schließlich mehr als Interesse an der alleine in einem Haus am Hang lebenden Johanna. Schließlich war sie es, die dem Wissenschaftler bei der ersten Begegnung aus dem relativ kitschigen Anlass eines "attraktiven Sonnenuntergangs" sogleich eindeutige Avancen macht in Form des Vorzeigens ihrer "kleinen, noch festen Brüste". "Noch" will heißen: Johanna geht auf die Vierzig zu, und Krausser, selbst knapp über Mitte Dreißig, nutzt die Figur des Wissenschaftlers, um über die zunehmende Anfälligkeit für die Reize reiferer Frauen mehr als nur zu philosophieren: In Form seines Helden wird er handgreiflich, so dass auch manch alternder Kritiker – völlig zu Recht – seine Freude haben wird.

"Ermittlungen" anstellend über die mögliche Ursache des Todes von Johannas Mann, dem Künstler Ralf Palm – angeblich Selbstmord durch Verbrennen in der gemeinsamen Wohnung -, gerät das vermeintlich wissenschaftlich-kriminalistische Interesse sehr bald zur nach außen vorgeschobenen Ausrede für die nicht mehr zu stoppende Anziehungskraft, die Johanna ausübt. Sie weckt eine ungeahnte?, jedenfalls uneingestandene destruktive Ader in ihm und seine professionellen Erklärungsmuster versagen.

Helmut Krausser hat schon einige Prosaformen in seiner Sammlung – Erzählung, Roman, Tagebuch –, nun kommt die moderne, in viele kurze, prägnante, manchmal nicht einmal halbseitige Kapitel bzw. Episoden unterteilte Novelle hinzu. In klarer Sprache werden Situationen und Figuren gekonnt scharf ins Bild gesetzt, in wenigen Worten entwickeln sie ihr Eigenleben.

Krausser hat früh mit "Melodien" die Latte sehr hoch gelegt, an der nun seine Bücher gemessen werden, und er hat diese Qualitätsmarke auch schon mal lässig unterboten ("Der große Bagarozy"), um nun wieder souverän zum Übersprung anzusetzen – wie eine Quintessenz aus seinem bisherigen Werk erscheint die "Schmerznovelle", thematisch wie formal.

Wie war das mit der "Novelle"? Sie erzählt relativ kurz und geschlossen eine tatsächliche oder mögliche Begebenheit und hat ihren überraschenden Wendepunkt. Der Begriff leitet sich aus vergangenen Zeiten ab, wo die Novelle die Neuigkeit im Gesetzestext war, kommt also aus der Kriminal-Geschichte. All das umspielt Kraussers Text und nach 143 Seiten wünscht man sich eigentlich, er hätte aus diesem Stoff doch einen längeren Roman geschrieben wie vormals "Melodien". Andererseits ist es aber gut, dass die "Schmerznovelle" nicht jene Langatmigkeit und Schwerblütigkeit von "Thanatos", dem anderen der beiden langen Romane Kraussers, erreicht. Den Tod als Motiv treffen wir in der "Schmerznovelle" zwar auch wieder, aber schon fast spielerisch transformiert von der Bleischwere zur Erlösung, untermalt von der Melodie von Beethovens "Fidelio".

"Es ist schwer zu sagen, wann ich aufgegeben habe, Johanna mittels psychiatrischer Systematiken zu sondieren. Die Affinität, die mich, um es vorsichtig auszudrücken, gepackt hatte, war letztlich auch der Grund, auf Aufzeichnungen jeglicher Art zu verzichten. Verlogen wäre es gewesen, dieser Angelegenheit einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.

Ich fühlte mich von Johanna infiziert, und anstatt mich zu wehren, begab ich mich nach und nach auf eine Ebene mit ihr. Was ich an ihr heilen wollte, bewunderte und beneidete ich auch. In Johanna war etwas so stark, so ungeheuer lebendig. Ob es die Liebe war, der Tod, die Sehnsucht, das Aufbegehren – möglicherweise Facetten ein und derselben Energie, die den Kosmos am Leben erhält."


Olaf Selg



Helmut Krausser: Schmerznovelle. 143 Seiten, 29,90 DM, ISBN 3498 03506 1.

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