So etwas müsste einem erst einmal einfallen, meint der Kollege vom ORF und er hat Recht: Die Idee zur Erzählung ist höchst originell. Der Tod ist ein, vermutlich jung gebliebener, Mann, der immer wenn er einschläft, im Körper eines anderen erwacht als parallele Intelligenz und dann sehen muss, diesen durch Einflüsterung zu Handlungen zu bringen, die den Tod dieser Person herbeiführen. Erst dann erwacht er wieder in seinem Körper, in seiner Wohnung – ausgeschlafen und erquickt.
Dem schnellsten Rennfahrer der Geschichte, Ayrton Senner, nimmt er zum Beispiel in einer Kurve die Konzentration – kühl und berechnend schickt er ihn damit in den Tod. Das muss 1994 beim großen Preis von San Marino gewesen sein, wie wir wissen. Herbert von Karajan, dessen Interpretationen klassischer Musik der Tod aus ästhetischen Gründen ablehnt, verleitet er genüsslich zu übermäßigem Salzkonsum. Elias Canetti, den er bewundert, packt er am Haken seiner utopischen Phantastik, dem Leugnen der eigenen Sterblichkeit, die aus Canettis Aufzeichnungen bekannt ist. Der Tod hat es schwer mit ihm. Canetti denkt und lebt nur im Jetzt, ignoriert seine Geschichte und damit seine Vergänglichkeit. Ihn muss der Tod geradezu daran erinnern, indem er Canettis Geschichtlichkeit in ihn hineindenkt – laut und penetrant, bis sie ihm selbst wieder bewusst wird. Dann ist es nur noch ein kurzes Weilchen bis zum Tod. Dann geht das Sterben leicht.
Die Canetti-Episode ist vielleicht die interessanteste. Sterben zu müssen, heißt anerkennen zu müssen, dass man eine Geschichte hat, die man nicht leugnen kann, sondern der man sich bewusst sein, die man erinnern, die man sich erzählen muss. Dann aber, im epischen Bogen der Erzählung des eigenen Lebens, wird das Sterben ganz leicht. Montaignes populäres Diktum vom Philosophieren, das „sterben lernen“ heißt, wird hier in die Erzählung des Todes gewendet: erzählen heißt, sterben lernen.
Erzählen heißt, sterben lernenDillinger ist da anders – ein dumpfes, brutales Tier, mit dem der Tod sich lange rumschlagen muss, weil Dillinger zunächst unempfindlich ist gegen seine Einflüsterungen und weil er Glück hat. So verdammt viel Glück, dass der Tod sich schon Sorgen macht um seinen „schutzlos“ in der Wohnung liegenden Körper, dessen Geist versucht, Dillinger zu töten. Die Sorge des Todes um seinen Körper lässt ihn allzumenschlich erscheinen, steht seltsam ab gegenüber der kühlen Freude des Sterbenmachens, mit der der Tod Karajan aus dem Musikbetrieb entfernt und Canetti eine Lektion erteilt, und bleibt rätselhaft. Soll hier das Geschäft des Todes, das ohnehin ein unfreiwilliges zu sein scheint – denn einschlafen und dann töten müssen, will der Tod gar nicht, versucht es, so lange wie möglich zu vermeiden –, intrinsisch motiviert werden? Sagt in diesen repetitiven Sorgen der Tod, dass er sein Geschäft nicht nur unfreiwillig betreibt, sondern man ihm die Rücksichtslosigkeit und mangelnde Pietät seines Vorgehens auch bittschön nicht ansehen sollte, da er ja selbst seine Problem hätte – einen gleichfalls schutzlosen Körper nämlich, den es mit eben der Intelligenz zu bewachen gelte, die andere in den Tod treibt?
Der Tod bleibt ein Rätsel. Ihm ist mit spitzfindiger Dialektik nicht beizukommen. Dillinger aber rafft er hin, indem er sich als dessen Instinkt ausgibt, ihn glauben macht, er wäre seine innere Stimme, auf die zu hören ihm nutzen könnte. Das wird sich für Dillinger als fatal erweisen. Auch im Bereich des Intuitiven gibt es vor dem Tod kein Entrinnen. Verstehen aber, können wir diesen Tod nicht. Wir können ihn nur kennen lernen in seiner Erzählung. Lesen, d. h. den Tod kennen, d. h. sterben lernen – ohne dass das Rätsel des Todes entschlüsselt werden würde.
Ein Aperçu an den TodWen die zunächst kunstlos erscheinende Sprache irritiert, sollte wissen, dass die Erzählung zunächst als Hörspiel konzipiert war, und sie laut lesen. Dann entfalten die Monologe des Todes ihre ganze suggestive Kraft. Die im Anhang beigegebenen „Aufzeichnungen aus dem Nachlass Emilio Persichettis“ zeigen einen stilistisch ganz anderen Erzähler, der sich zärtlich anschmiegt an den Zauber von „Cente“ und das Wunder von „Pallarossa“. Phantastische Utopien sind auch diese beiden Kapitel aus dem unveröffentlichten Roman
Calcata. Von einer Stadt ist da die Rede, die aus Bettlern Mitarbeitende und Mitgenießende macht, deren fragiles soziales Gleichgewicht aber durch eine kleine Irritation des Systems zerbricht, und von einer Stadt, die einen Tag in einer Blume lebt, hoch in den Bergen, duftend und glücklich und singend, und vergeht, wie sie gekommen ist – ephemerische Zauberländer des Glücks, ein Aperçu an den Tod.
Björn Vedder
Mike Markart: Dillingers Fluchtplan oder Karajan umzubringen war mir ein Bedürfnis. Erzählung. Edition Kürbis 2008. 100 Seiten. 14,90 Euro. ISBN: 978-3-900965-34-1.