Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 19:33

 

Franz Xaver Kroetz: Blut und Bier

04.08.2008

Ungewaschene Stories zum Zweiten

Erst vor etwa zwei Jahren erfreute Franz Xaver Kroetz seine Leser mit seinen ungewaschenen Stories. Der immer noch als Baby Schimmerlos aus der Fernsehserie Kir Royale einem großen Publikum im Gedächtnis gebliebene Autor legt nun die Taschenbuchausgabe nach – vermehrt um zwei weitere Kurzgeschichten.
Von Frank Kaufmann

 

Im Zentrum vieler der immer schön schnoddrig geschriebenen Geschichten steht die schriftstellerische Doppelexistenz: hier Autor, da Ehemann respektive Familienvater. Nächtelanges Wachen, tagelanges Nörgeln, Hauptsache unausstehlich, so schleichen seine Protagonisten um das weiße Blatt Papier auf der Suche nach dem dichterischen Höhepunkt – aber ach: die erhofften Werke wollen einfach nicht aus dem Kopf. Logisch, dass solch schreibblockierte Protagonisten in der Dauerkrise stecken und einfach nur noch nerven, anders und deftiger ausgedrückt: vom Mensch zum Arschloch mutieren. Hinzu kommt dann auch noch das Alter mit dem ständig drückenden Gebiss und den nicht ausbleibenden anatomischen Deformationen.

Ein alter Bekannter

Der Protagonist als Autor in der Krise ist beileibe kein Unbekannter in der Literatur. Über die zahlreichen Nabelschauen hiesiger Dichter und Denker wurde schon ausführlich geklagt. Nun also noch einer, mag man stöhnen. Aber halt: wer hier so gekonnt lässig und herrlich sarkastisch mit einer gehörigen Prise Galgenhumor das Drama des tragikkomischen Dichters aufführt, der verdient Respekt und Anerkennung. Es ist nämlich gerade diese absolut ironische Distanz, mit der Kroetz seine Geschichten erzählt und damit überzeugt. Auch an poetischer Gerechtigkeit als schicksalhafte Umkehrung der Machtverhältnisse respektive der Bedürftigkeitsströme fehlt es nicht: Klar wird, dass der Dichter seine Frau letztlich nötiger hat, als diese ihn, auch wenn das familienpolitisch ganz anders ausschaut. Alles wie im wirklichen Leben also, und so heißt es auch gleich in der „Mißglückten Widmung“ des Buches: „Als der Dichter mit dem Schreiben endlich fertig war, nach vielen Jahren, ging er hungrig in die Küche und wollte essen. Aber siehe, es war niemand mehr da, kein Essen und keine Hausfrau.“

Melancholie und Selbstbestrafung

Jenseits altersbedingter Krisen, dem Thema Alkohol und Sex und der sprichwörtlich rauen Schale der Protagonisten, fällt auch die oft unterschwellige Melancholie auf, die in diverse Selbstbestrafungsphantasien mündet. So lesen sich die zwei „Bonustracks“ –warum man sie nicht ganz normal Kurzgeschichten nennt, bleibt ein Rätsel – wie eine Coda, angesiedelt zwischen ironisierter Schuld und Sühne, in der der Mann und sein bestes Stück (das immer mal wieder das Licht der Welt erblickt) im Kroetzschen Fokus steht. In „Südwind von vorn“ sitzen fünf Männer in der Sauna, einer davon (der Ich-Erzähler) ist der Krötz Franzi. Sie machen zotige Scherze, wie unter richtigen Kerlen üblich. Das ändert sich abrupt und führt sogar zu einem (beinahe) Desaster, als das Ziel der verbalen Attacken die Szenerie betritt: das ewig lockende Weib, vor dem die Männer reihenweise geradezu jungfräulich einknicken. Da hilft nur noch Kastration, um dem ganzen Spektakel ein Ende zu bereiten, wie in „Der Edy und das Hirschgulasch“ angedacht, aber dann doch nicht ausgeführt, wie es ja bei den Denkern und Dichtern traditionell üblich ist: „Alles paletti,“ sagt Edy „ich hab ihn mir beim Pissen grade angeschaut, ich könnte mich wirklich von fast allem trennen, aber nicht von ihm...“

Frank Kaufmann


Franz Xaver Kroetz: Blut und Bier. 15 ungewaschene Stories + 2 Bonustracks. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2008. 160 Seiten. 7,95 Euro.

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Maler der Farben und Formen

Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...