Hinter Julia Schochs unscheinbaren Titeln wie „Himmelfahrt“, „Schießübung“, „Der Exot“ und „Cinema Aurora“ verbergen sich Erzählungen mit präzise beobachteten Alltagssituationen und manchmal tun sich unvermittelt Abgründe auf. „Der Australier schlurfte ins Lokal, den tausendstrippigen Rucksack über der Schulter. Er schüttete das Bier in seinen Rachen, der irgendwo hinter seinem dichten roten Vollbart lauerte und sich alle paar Minuten wie ein geheimer Felsen öffnete. Er atmetet laut und bewegte sich ebenso geräuschvoll auf seinem Stuhl.“ In der Erzählung „Im Delta“ geht Julia Schoch auf eine Reise in entlegene Gegenden am Schwarzen Meer, um Pelikane und australische Touristen zu beobachten und wie nebenbei über das Thema Freiheit zu debattieren. Kommen Tote vor? Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil die Autorin ihre Leser mit surreal anmutenden Sprüngen konfrontiert und ihr rhythmischer Sprachstil die Phantasie beflügelt. Manchmal sind es Reisen in die Vergangenheit. „In Himmelfahrt“ beispielsweise geht es um einen Besuch beim Vater. Der Schauplatz ist die verwaiste Wohnung des Vaters. Schläft er, ist er gerade weggegangen oder liegt der leblose Körper nur in der Vorstellung auf einem Sessel im Wohnzimmer? Das kommt dann wie eine psychoanalytischer Vater-Tochter-Reflexion daher mit surrealistischem Ende. „Hinter den Straßenbahngleisen, sah ich, bewegten sich die Bäume, als läge etwas in der Luft. Mein Vater, der Vogel, der schon bald zum Fisch werden sollte.“
Julia Schochs Heldinnen und Helden rebellieren und scheinen immer auf der Flucht. Sie können die Vergangenheit nicht abschütteln, egal wo sie sind oder wo sie hingehen. Ihre Heimat, der deutsche Nordosten, scheint überall und allgegenwärtig durch. Bemerkenswert ist auch die mit rund dreißig Seiten zu den längeren Stücken zählende Erzählung „Cinema Aurora“, in der sich Julia Schochs Prosabegabung in den Worten einer Kinokassiererin entfaltet. Ein tollpatschiger Vorführer stolpert im Cinema Aurora über Stiegen und Feuerleitern und absolviert vor dem Vorführraum filmreifen Slapstick. Ingo Schulzes „Simple Storys“ fallen einem da ein, nur dass die Geschichten weniger artifiziell miteinander verwoben sind. Wie glänzende Perlen auf einer Schnur schillern sie um so fiebriger. Julia Schochs abgründige Szenarien würde man von einem abgebrühten Profi erwarten, nicht aber von der ersten Veröffentlichung einer 27jährigen Nachwuchsautorin. Deutlich spürt man hier erzählerisches Talent.
Cornelia Fleer
Julia Schoch: Der Körper des Salamanders.Erzählungen, Piper Verlag 2001. 174 Seiten. Gebunden. 15,90 EUR.
ISBN 3-492-04375-5