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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:34

 

Andreas Stichmann: Jackie in Silber

01.09.2008


Mister Tragikomik

In seinem Erzähldebüt Jackie in Silber erweist sich der Leipziger Autor Andreas Stichmann als Meister der Untertreibung, der genauen Dosierung und gleichzeitig als Mister Tragikomik.
Von Katharina Bendixen

 

Jackie in Silber klingt nach Glanz und Glitzer, nach Verkleidung und Verwandlung. Und tatsächlich: „Seit sie das silberne Kleid trägt, sieht sie ein bisschen aus wie ein Star.“ Aber Jackie Mesch ist eigentlich ein „komisches Mädchen“. In der Band im Jugendzentrum kann sie sich nicht so richtig verwirklichen: Während die anderen Gitarre spielen oder singen, wippt Jackie nur „mit dem Kopf und guckt absichtlich etwas tragisch“. Und wie sich bald herausstellt, ist das silberne Kleid für sie nur eine Hülle, mit der sie Aufmerksamkeit erregen und von dem ablenken möchte, was tatsächlich nicht stimmt und was sie später in die Psychiatrie bringen wird.

Jackie Mesch ist eine Figur in „Hey Hoppmanns“, einer von elf Erzählungen aus Andreas Stichmanns Debüt Jackie in Silber. Von einem Jugendzentrum mit Radiowerkstatt ist in dieser Erzählung die Rede, von den etwas asozialen Hoppmann-Brüdern und der engagierten, aber hilflosen Sozialarbeiterin. Ganz nebenbei handelt sie jedoch von dem Wunsch nach Zugehörigkeit, von der eigenen Unsicherheit, der Orientierung an anderen. „Eigentlich kann ich das aber alles nur von außen beobachten. Ich bin ein Lehrerkind […]“, stellt der Ich-Erzähler sich vor und versucht, Anschluss bei einer Gemeinschaft zu finden, in der er von allen für überprivilegiert gehalten wird.

Der Wunsch nach Freundschaft und die Suche nach den so genannten peer groups ziehen sich wie ein roter Faden durch Jackie in Silber. In den Erzählungen „Alleinstehende Herren“ und „Der goldene Stern“ kommen Männerfreundschaften zu witzig-melancholischer Geltung, in „Schnurrbart“ und „Bussardweg“ suchen kühle Jungs Frauenanschluss. Und in „Wasserleiche“, einer Erzählung, die mit ihren zwielichtigen Charakteren und abgeklärten Dialogen amerikanische Short Storys persifliert, macht sich der Ich-Erzähler Dennis gemeinsam mit einer Jungenbande auf, einen Mord zu rächen. Am Anfang ist Dennis noch „ein ganz besonderer Gast“ der Bande, doch plötzlich kippt die Stimmung: Als er den ersten Stein nach dem vermeintlichen Mörder wirft, hauen die Bandenmitglieder ab, und später schlagen sie Dennis beinahe wortlos zusammen. Die Freundschaft ist dahin, die Gruppe verloren.

Gratwanderung zwischen Tragik und Komik

Trotz der Beziehungsthematiken sind Stichmanns Erzählungen aber alles andere als Befindlichkeitsprosa. In jeder Erzählung gelingt dem Autor die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik: Wenn Jackie Mesch in der Band nicht mit dem Kopf wippen würde, wäre es viel verstörender, dass einer der Hoppmann-Brüder einmal „sehr grob“ mit ihr schläft. Wenn der vermeintliche Mörder aus „Wasserleiche“ nicht eine lange, vollkommen irrelevante Geschichte über seine frühere Frau erzählen würde, würde Dennis' Ausschluss aus der Bande einen wesentlich bitteren Nachgeschmack hinterlassen. So aber stellen sich das Traurige und das Komische abwechselnd in den Schatten und erzeugen eine Ambivalenz, die lange nachhallt.

Gleichzeitig ist Stichmann ein Meister der genauen Dosierung und Untertreibung. Beschreibungen, vor allem von Personen, gelingen ihm oft mit wenigen Worten: Wenn eine Frau eine „zickige Brille“ trägt, ist eigentlich schon alles klar, und „ein nach Allergien aussehender junger Mann“ muss auch nicht weiter charakterisiert werden. Von der silbernen Jackie heißt es lakonisch: „Sie muss in eine Jugendpsychiatrie.“ Und als der zusammengeschlagene Dennis aus seiner Ohnmacht wieder aufwacht und ein Licht am Himmel sieht, denkt er nicht an seine Schmerzen, sondern sagt sich: „Für eine Sekunde hatte ich gehofft, dass es Gott sein könnte, aber es war der Mond.“ Mehr Worte braucht Stichmann nicht, um große Gefühle zu schildern.

Katharina Bendixen


Andreas Stichmann: Jackie in Silber. Erzählungen. mairisch Verlag 2008. 144 Seiten. 14,90 Euro.

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