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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:34

 

Josef Winkler: Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot

15.09.2008

Was von der Literatur bleibt ist nur ein Bild

Der vieldiskutierte, jüngst gekürte Büchner-Preisträger Josef Winkler veröffentlicht eine Sammlung kurzer Prosaskizzen, die noch einmal einen intensiven Einblick in seinen poetologischen Kosmos erlauben.
Von Sebastian Karnatz

 

Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot: Ja, um Himmels Willen. Mehr geht nicht! Die bösartige Wucht – und Eleganz! – dieses Buchtitels muss Josef Winkler mal einer nachmachen. Den Preis für den kuriosesten Buchtitel des Jahres, jüngst ausgerufen von der Redaktion des aus Prinzip entbehrlichen Sammelwerks Schotts Sammelsurium, sollte der österreichische Autor eigentlich schon in der Tasche haben. Den Georg-Büchner-Preis der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung hat er ja bereits gewonnen in diesem Jahr. Und was war das für ein Aufstand! „Thematisch und ästhetisch“ sei Winklers Werk „tief in den siebziger Jahren verwurzelt“, mahnte Hubertus Spiegel von der FAZ, und sein Kollege Helmut Böttiger sah sich veranlasst, Winkler in der Süddeutschen Zeitung zum nicht ganz heutigen Nachlassverwalter der kanonisierten österreichischen Vorzeigeliteraten – „von Ludwig Anzengruber bis Thomas Bernhard“ – zu erklären.

Auch im TITEL-Magazin wurde der Fall „Winkler“ (TITEL, 19.Juni 2008) – wie im Jahr zuvor schon der Fall „Mosebach“ (TITEL, 07.November 2007) – von Wolfram Schütte eingehend diskutiert. Urteil: Freispruch auf ganzer Linie. Und den Kritikern schreibt Schütte mit einer feinen Volte auch noch gleich ihre eigene Borniertheit ins Stammbuch: „Sein literarisches Oeuvre – barock, obszön, existenziell – weil es so eigentümlich obsessiv sich thematisch zentriert um wiederkehrende Topoi, wie das ja auch bei Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek der Fall ist, verstößt gegen den Novitätshunger und den Entwicklungsfetischismus einer auf wechselnde Inhalte fixierten deutschen Literatur-Kritik (...).“

Wortgewordene Bilder

Und wie steht es nun tatsächlich mit jenem hochdekorierten Angeklagten? Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot ist durchaus geeignet über diese Frage Auskunft zu geben. Es handelt sich um ein inhaltlich nur lose verbundenes Potpourri aus Reisereportagen, den Früchten der Winklerschen Lektüre und Alltagsbeobachtungen. Trotzdem lässt sich so ziemlich alles, was man für oder gegen den frischgebackenen Büchner-Preisträger anführen könnte, auch in diesem schmalen Band finden: Die kleinen Essays sind überdeutlich geprägt von ihren Vorbildern und der Name „Bernhard“ geistert dem Leser mehr als einmal durch den Kopf; Winklers Prosa ist in ihrer sprunghaften Avantgardeästhetik durchaus auch das Produkt der poetologischen Nachwirkungen der 70er- und 80er-Jahre; und die Worte „barock“, „obszön“ und „existentiell“ passen tatsächlich auf fast jeden einzelnen Satz dieses Werkes.

Josef Winkler gibt dem Leser Rätsel auf. Er changiert durchaus elegant zwischen verschiedenen Stilebenen, zitiert wie ein Weltmeister, erschafft Stimmungen – und vor allem Bilder. Winklers Sprache ist, nicht nur in seiner herausragenden Novelle Natura morta, ein Wort gewordenes Stillleben, das stets zwischen einer geradezu vulgären Vitalität und einer melancholischen Todesverfallenheit oszilliert:

Seit langem stelle ich mir vor, daß ich statt meines Kopfes eine Kamera an meinem Hals habe und alles filme, was meine Augen sehen können. Betrete ich mit meinem Filmkamerakopf eine mir bis dahin unbekannte Stadt, frage ich nicht nach den allseits bebilderten Sehenswürdigkeiten, sondern sofort nach den Gefängnissen, nach den Friedhöfen und Totenhäusern.

Und wie ein „Filmkamerakopfmensch“ geht Winkler auch vor. Er notiert flüchtige Eindrücke, visuelle Merk- und Denkwürdigkeiten. Dabei operiert er stets am Abgrund zur Morbidität. Selbstmörder und Unfallopfer bevölkern seine kleinen Prosaskizzen in Scharen. Der „Sternhagel der Bilder“ – so der bezeichnende Titel eines Textes – ist immer auch Vorbote des Todes: „Ein Leben mit Aussicht auf den Friedhof!“

Skizzen und Textbausteine

Dies alles macht Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot ohne Zweifel zu einer typischen Winkler-Veröffentlichung. Die fortschreitende Reduktion seiner epischen Erzählweise hin zur kleinen Form, für die Natura Morta als vorläufiger Höhepunkt stehen kann, wird hier noch einmal weiter vorangetrieben: Seine Prosa scheint vor poetologischer Dichte und assoziativem Anspielungsreichtum geradezu zu bersten, ein wirklich sukzessiv fortschreitendes, lineares Lesen ist größtenteils nicht mehr möglich bzw. nicht mehr nötig. Winklers Skizzen sind oftmals Textbausteine, deren enormes pikturales Potential sich nicht mehr wirklich zu einem Ganzen fügen lassen will.

Dies alles macht es dem geneigten Leser nicht unbedingt leicht, in diesen durch und durch österreichischen Kosmos von katholischer Opulenz und Todesvisionen einzutauchen. Doch immer wieder setzen sich einzelne Sätze im Kopf des Lesers fest, bemächtigen sich Satzfetzen der uneingeschränkten Aufmerksamkeit des Rezipienten, durchdringen Worte die Distanz von Literatur und Leser. Dies ist durchaus folgerichtig: Es ist eben jenes Prinzip, das Winkler selbst in diesem Buch so wortgewaltig und doch seltsam sprachlos vorführt: Was von der Literatur bleibt, ist im Grunde genommen nur ein Satz, ein Bild.

In diesem Sinne sollte das letzte Wort auch nicht Winkler oder gar dem Rezensenten gehören, sondern einem jener unzähligen in Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot verarbeiteten Wortbilder, das die Stimmung dieser merkwürdigen Lektüre recht passend einzufangen vermag: „Das ist so ein Moment, in dem die Verzweiflung in einem hochfährt, als wäre die Wirbelsäule, die Speiseröhre, ein Lift (...).“ (Terézia Mora)

Sebastian Karnatz


Josef Winkler: Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot. Suhrkamp 2008. 125 Seiten. 9,00 Euro.

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