Der Schutzumschlag – eine milchweiße Meeresbrandung vor tiefschwarzem Hintergrund, darüber Autorenname und Buchtitel gänzlich schmucklos wie in Schreibmaschinenlettern eingraviert – weist bereits auf die beklemmende Atmosphäre hin, die jede einzelne aller sieben Erzählungen von Nam Le durchzieht. Man hätte dasselbe Motiv genauso gut postkartengerecht in leuchtenden Farben darbieten können, aber es ist die nackte, ungeschönte, aller Überhöhungen, Idealisierungen beraubte Realität, der sich Le stellt, mit der er den Leser unerbittlich konfrontiert. Nein, Nam Le interessiert sich wahrlich nicht für die Postkartenmotive dieser Welt, und trotzdem wohnt all seinen Texten eine leuchtende Schönheit inne, deren verborgene Existenz seine Figuren und Leser zwar ahnen mögen, deren tröstlicher Wirkung sich aber unheilvolle, selbstzerstörerische, eben aber auch tiefmenschliche Kräfte entgegenstellen.
Die meisten Protagonisten und Schauplätze – wie eine Jugendclique in Kolumbien (in „Cartgena“), wie Hiroshima im Sommer 1945 („Hiroshima“), eine Widerstandsgruppe in Teheran („Tehran Calling“) und natürlich die verheerende Situation auf einem überfüllten Flüchtlingsboot in der titelgebenden Erzählung („Im Boot“) – sie alle tragen die Tragik bereits in ihrer Anlage in sich. Andere Stoffe und Konstellationen wie die aufkeimende Liebe des jungen Jamie in „Halfland Bay“ oder die Wiedersehenshoffnungen zwischen Vater und Tochter in „Ein Treffen mit Elise“ lassen zunächst durchaus Hoffnung auf positive Schicksalswendungen zu – letztgenannte Erzählung trägt als einzige auch einen feinen Humor in sich – umso schmerzhafter ist das abrupte Ende aller Träume, das brutale Ersticken aller Sehnsüchte.
Ungebremst, mutig, offensiv
Nam Le ist ein atemberaubendes Debüt gelungen. Sich derart ungebremst, mutig und offensiv den großen Dramen zeitgenössischer wie zeitloser Realitäten zu stellen, spricht für die Ernsthaftigkeit und Ambitioniertheit von Nam Le, der 1978 in Vietnam geboren wurde, in Australien aufwuchs und nach dem Studium in die USA überwechselte. Aber natürlich ist es letztlich nicht die Zielsetzung, sondern die Umsetzung, die Le’s Meisterschaft begründet, seine herausragende Fähigkeit, atmosphärische Stimmungen und psychologische Befindlichkeiten in Worte zu kleiden und miteinander in Einklang zu bringen. Keine Bilder und keine objektive Berichterstattung über strandende Flüchtlinge auf Lampedusa vermag einem so eindringlich die verzweifelte Situation an Bord eines Flüchtlingsboots zu vermitteln wie Nam Le dies in der Erzählung „Im Boot“ gelungen ist: die Verlorenheit in der Weite des Ozeans, inmitten der bedrückenden Enge im Boot. Diese Erzählung unterstreicht auch den metaphorischen Charakter des Buchtitels, zu verstehen als mahnende Erinnerung, sitzen wir letztlich doch alle in einem Boot.
Man wünscht sich mehr derart produktiver zorniger junger Männer, die die Finger in die Wunde legen, dabei aber nicht in Weh- und Anklagen verharren, sondern in ihrer Freiheit und Unerschrockenheit zugleich in eine konstruktive Richtung weisen, nicht voller Hoffnung, aber doch mit einer beträchtlichen Dosis davon.