Große Freude: nach Abfall für alle endlich wieder ein neues Buch von Rainald Goetz! Schade: wie Abfall für alle ist es wieder „nur“ die papierene Neuauflage seiner Internetnotate, in diesem Fall des Vanity-Fair-Blogs, das Goetz vom Februar 2007 bis zum Juni 2008 führte. Blog? Klingt nach „Für-den-Tag-geschrieben“, nicht nach etwas, was man zwischen zwei Buchdeckeln konservieren möchte. Und doch: bei Rainald Goetz möchte man. Er liefert keinen Subjektivitätsschwall ohne literarischen Reiz oder simple Kommentare zum Tagesgeschehen, sondern mischt Erlebnisnotate, Essayistisches, Gedichte und Aufgelesenes munter durcheinander (alte Houellebecq-Schule?), spielt mit literarischen Alter Egos (deren gewagtestes der SS-Offizier Max Aue aus Jonathan Littells Wohlgesinnten ist) und schreibt einen zeitgemäßeren Bernhard-Ton als der selige Thomas selbst. Und der Anfangssatz „Beim Heben des Kopfes wird der Dunkelraum sichtbar, den ich in letzter Zeit in verschiedene Richtungen hin auszumessen versucht habe, notiert Kyritz, vielleicht vergeblich“ wäre auch eines Georg Büchner würdig. Die titelgebenden Stichworte zum Tag, die Goetz ausgewählt hat, stammen aus Druck- und Filmerzeugnissen der letzten vierhundert Jahre (grob geschätzt) und deuten bereits die Weite des Horizonts an, den er zu umfassen sucht.
Aber was heißt hier „zu umfassen“? Es geht vielmehr darum, in kurzen Stücken die Stimmungen und Schwingungen der Gegenwart aufzunehmen und wiederzugeben, ohne dabei den Nachhall der Geschichte zu ignorieren. Dem nach argumentativ abgesicherten Darstellungen Verlangenden vermutlich ein Graus, vermitteln diese Fragmente ein reflektiertes Stimmungsbild dieser Zeit. In Goetz’ Texten wird – seinen eigenen Worten zu Luhmanns frühen Aufsätzen folgend – „nur kurz angedeutet, noch nicht bewiesen, sie wirken dabei umso stärker kreativ“. Ja, hier geht es um Wirkung, nicht um Argumente („Überzeugen ist unfruchtbar“; W. Benjamin), aber die Wirkung stellt sich ein: „es fühlt sich geistig sehr so an, als würden diese Texte stimmen.“ Geistiges Gefühl? Ja, genau das können die Fragmente zum Tag von Rainald Goetz: einen empfundenen Zustand schildern, ohne dabei unter ein Mindestniveau intellektueller Komplexität zu fallen.
Vielstimmige Überlegungen zum Stand der Dinge
Es zeichnet sie ein durchgehender Bezug zum Gesellschaftlichen aus. „Jede Idee, die sich nicht am Sozialen bricht und dabei verwirren, zerstören oder beglaubigen lässt, gibt es gar nicht.“ Wobei das Gesellschaftliche sowohl Ideenerreger wie Korrektiv ist. Doch erst mal weiter im Text, wo der Gedankensprung zu einem Mitschreiber folgt: „Auch das sieht man an Brinkmanns Zorn.“ Nicht mehr kommt von Goetz zu diesem Thema, keine langwierigen Erläuterungen, die Partie spielt sich im Kopf ab, zwischen den Zügen, die für alle sichtbar sind. Schließlich darf man vom Leser, der Kontrollinstanz in Goetz’ Vorstellung vom Schreiben, etwas Mitdenken erwarten. Der Autor zeichnet auf, ohne mentale Bremse, nun ist es an der Gesellschaft, darauf zu reagieren. Auch wenn Goetz diesen schriftstellerischen Weg „durch die Finsternis der Schlucht von Nichtkunst, Bosheit, Größenwahn“ führen sieht, so folgt man ihm doch gerne. Denn diese Nichtkunst ist kunstvoller als Gekünsteltes, diese Bosheit entspringt einem konsequenten, sich selbst nicht schonenden Projekt, dieser Größenwahn ist kaum einem fremd, der ehrlich mit sich selbst ist. Manchmal kann dieser Goetz’sche Größenwahn einem zwar gehörig auf die Nerven gehen, wenn etwa die Einträge zu sehr von Wahrheits- oder Realitätspathos erfüllt sind, wo deren Wahrhaftigkeit einzig der gefühlten Stimmigkeit unterliegt. Der Reiz dieser Texte liegt allerdings – neben ihrem sprachlichen Einfallreichtum – nicht allein in ihrer Stimmigkeit, sondern darin, dass sie subtile Stichwörter für eigene Überlegungen zum Stand der Dinge bieten. Und das auch noch längere Zeit nach ihrer Entstehung.