Neun Menschen aus aller Herren Länder haben etwas gemeinsam: Sie stehen eines Tages an einem Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen, an dem sie mit ihrem Leben nicht mehr zufrieden sind. Nun, Jahre später, hält jeder von ihnen einen Brief der Inland Security in der Hand, die ankündigt, sie verhören zu wollen. Doch bevor sie untertauchen, aus der Welt verschwinden, hinterlässt jeder Einzelne seine persönliche Geschichte.
„Nicht die Welt wird kleiner, sondern unsere Augen, unsere Ohren“, heißt es viel versprechend auf der Rückseite des kleinen, eher unscheinbaren Werkes Als ich aus der Welt verschwand von Barry Lopez, das ganze vier Jahre brauchte, bis es auch auf dem deutschsprachigen Markt erschien. Beim Durchblättern fallen die neun Monotypien auf, jede Geschichte hat im wahrsten Sinne des Wortes ihr eigenes Gesicht. Mal ernst, mal abgewandt, mal kindlich, mal verstört – jede Geschichte beginnt mit einer Emotion und hinterlässt auch eine solche.
„Was lehrt uns der Krieg, Dad?“
Ein Militärhistoriker, eine Dolmetscherin, eine Landschaftsarchitektin, ein Aktivist für die Rechte der Eingeborenen, ein Autor, ein Kunsttischler, ein Rechtsanwalt, ein Sozialhistoriker, ein Berater für alternative Energien – unterschiedlicher könnten die neun Protagonisten oder eher Ich-Erzähler der Geschichten kaum sein. Aber eben das führt dazu, dass klar wird, dass das Schicksal keine Hautfarben kennt. Manche erlebten schon in früher Kindheit Fürchterliches, andere quälen sich Jahrzehnte mit Ängsten, wieder andere leben ein recht durchschnittliches Leben, bis sie feststellen, dass das nicht alles gewesen sein kann. Etwas muss sich ändern. Doch diese Veränderung bleibt nicht die Seifenblase eines Traumtänzers, sondern wird in die Realität umgesetzt, ganz gleich ob mitten in der Wildnis oder im Großstadtdschungel.
Der Grundgedanke ist gut. Verschiedene Menschen, verschiedene Länder, verschiedene Geschichten und doch immer die gleiche Aussage. Und genau hier liegt das Problem. Barry Lopez scheint aufzeigen zu wollen, dass die Menschen in ihrer Individualität gleichgestellt sind, eigenverantwortlich handeln können, auch wenn die Masse dies nicht verinnerlicht hat. Und dass sich zuletzt Geschichten immer wiederholen. Da das Fazit stets das gleiche bleibt, kommt nach fünf bis sechs der Schicksdarstellungen die Frage auf: Gut, ich habe verstanden, was er mir sagen will, warum wiederholt sich das nun weiterhin? Die Umstände sind zweifellos spannend, doch im Laufe des Buches stellt sich ein Gefühl des Wiederkäuens ein. Auch bleibt die Frage offen, was es mit der Inland Security auf sich hat. Sollen die Ausbrecher aus der Gesellschaft bestraft werden, sind sie unerwünscht? Ist es die Rahmenhandlung, die in den Geschichten selbst keine Erwähnung findet und nur einen Grund darstellen soll, warum die Menschen ihr Leben überhaupt zu Papier bringen?
Bei Als ich aus der Welt verschwand handelt es sich um ein Werk, das aufrütteln, neue Wege aufzeigen, zu Gedanken verführen möchte. In seiner persönlichen, in jeder Lebensausführung differenzierten Schreibweise vermittelt es ein Gefühl von durchbrochener Einsamkeit, hinter sich gelassener Gleichartigkeit, doch mit der Zeit ändert sich die Farbe des Buches hin zu einem Einheitsgrau, das zwar seine Botschaft noch tragen kann, doch an Unterhaltungswert stark einbüßt. Zuletzt legt man das Werk aus der Hand und hat das Gefühl, man hätte das alles nicht zum ersten Mal gelesen.