„Kippenberger“ zum Beispiel könnte man werden, da in Zeiten der Nikotinverbannung derart geschulte Menschen, die dem raucherfreundlichen Gastwirt vor einem Kontrolleursbesuch die Kippen bergen viele Folgeprobleme ersparen. Denn würde der Kneipenchef erwischt, drohte ihm laut Rosendorfer der Zwangsbesuch der Kasseler documenta – wo Martin Kippenberger 1997 seine Metronetz-Attrappen ausstellte. Rosendorfer, eben 75 geworden, liefert ebenfalls manch fingierten Eingang in sein aus 23 vignettenartigen Prosaminiaturen bestehendes Pseudo-Berufslexikon, ohne das betreffende Arbeitsfeld auch nur annähernd zu erklären. So erfährt man zwar nicht, was der „Gauseppl“ tut, stattdessen aber, dass der Beruf erst durch die Zurechtrückung der Lautverschiebung von der Laute zum Camcorder wieder auftrat und dessen Patron der Heilige Vasolinus ist. Der Schriftsteller jedoch wird eindeutig definiert. Gott selbst war es, der den ursprünglichen Steller beförderte, um sich der begriffsstutzigen Betenden zu erwehren: „Hier hast du die Schrift. Stelle sie hin.“ Und der Beruf des Zeichners? Sein Illustrator Voigtmann muss als Vorsitzender der seit dem 17. Jahrhundert bestehenden „Gesellschaft zur Aufklärung des Zei“ – Diminutiv des Zeichens – herhalten. Oft trockenen, bisweilen süffisanten Humors führt der Bozener Vielschreiber, nach dem laut eigener Angabe eine „Käferschlange“ benannt ist, durch die Jahrhunderte. Während des „Jährigen Krieges“ etwa ging der Bettenschänder – englisch Bedshander, russisch Schopenhauer – um und während der „Ersten Völkerjause“ die Brennholzbischöfe. Als diese allgemeine Jause zum Völkerbiergarten führte, ritt Holzbischof Dionysius auf einem Wildschwein zum Papst, um den Handel mit Ablässen zu forcieren, was den Gegenpapst herausforderte Bullen, „auch Kühe und Ochsen“ zu erlassen.
Versumpfte Genossen und Ofen edler Freude
Im „Heiteren Beruferaten“ von Robert Lembke war es Oberstaatsanwalt Sachs, der kühl seine Annahmen abwog, ehe er den gefragten Beruf auf den Punkt brachte. Ex-Richter Rosendorfer verzettelt sich bis dahin längst in erfundenen oder satirisch veränderten Geschichtsanekdoten, die vor kirchlichen und sittlichen Anspielungen nur so strotzen. Seinen beschwingenden 23 Prosaminiaturen fügt Illustrator Kay Voigtmann seine bizarr ziselierten „Kartoffelmenschen“ hinzu, die mit zusätzlichen Berufsdetails und insbesondere tierischem Begleitschutz glänzen. Gnadenbrotbäcker und „Sozianer“ Eberwulf Ledderhosser aus Hackpfüffel trägt so eine pissende Gans spazieren, kommunistische Zeit-Genossen bieten Spatzen ihren Wodka dar. Deren Bewegung war eingegangen, weil die Jünger gemäß der Arbeiterhymne zur „Sonne“ aufbrachen oder in der gleichnamigen Kneipe in Gera versumpften. Auch der Münchner SPD-Oberbürgermeister Ude erhält vom sprachgestrengen Autor eine auf den Deckel, die 68er-Schelte ist dann bloß Draufgabe. Damit man seine Verweise auch überprüfen kann, belegt Rosendorfer seine Quellen: Bloß, schrieb Schiller tatsächlich den von Beethoven vertonten Text „Ofen edler Freude“? Herbert Rosendorfers zwischen Gerhard Polt, Historiengroteske und Neuer Frankfurter Schule oszillierendes Professionskompendium wartet mit vielem auf, bloß nicht mit Ernst.