Es gibt Dinge, auf die man sich verlassen kann – als Hannover 96 zugeneigter Fußballfreund muss ich es wissen, denn seit langer Zeit ist die Richtung vorgegeben, sind die Alternativen recht übersichtlich: Entweder wird die Hinserie komplett verschlafen, um dann noch nach hektischer Aufholjagd den 12. Tabellenplatz zu erkämpfen, oder aber die Profis lassen es nach gelungener Hinrunde so lässig, kampf- und glücklos angehen, dass zum Saisonabschluss Platz 13 erreicht wird.
Abgesehen davon, dass David Sedaris zur Ausübung seines Berufes keinen Ball benötigt und ihn beim Schreiben nicht 40.000 tobende Menschen anschreien, ist es bei ihm recht ähnlich: Man weiß einfach, was man bekommt. In erprobter Art und Weise lässt er in seinem neuen Kurzgeschichtenband Schöner wird’s nicht seine bekannten Charaktere und Psychosen auf den Leser niedergehen. Wie schon seine Vorgänger, allen voran die Bestseller Nackt und Ich ein Tag sprechen hübsch, mit denen ihm im deutschsprachigen Raum und dank der Übersetzung Harry Rowohlts der Durchbruch gelang, präsentiert auch Schöner wird’s nicht eine Mischung aus autobiografischen Begebenheiten.
In erster Linie wieder einmal Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend in Raleigh, North Carolina,– seltsame Babysitter, die ihn und seine Schwestern aus dem eigenen Haus „entführen“ und Mahlzeiten nur im Tausch gegen Hausarbeiten und Hundekacke-Aufsammeln zubereiten, Geschichten, die ihn als Tellerwäscher und Untermieter einer als ungewöhnlich zu bezeichnenden älteren Lady zeigen, Geschichten, die ihn als Bücherwurm in Kontrast zu seinem Umfeld setzen.
Im Gegensatz zu den früheren Bänden kommt in den neueren Geschichten von David Sedaris eine weitere Komponente zum tragen: der schwule Mann im Allgemeinen und im Besonderen. Szenen einer Beziehung, in denen Sedaris zumeist auf seinen Partner, den Maler Hugh Hamrick, zu sprechen kommt. Pointiert und im Stil erprobt spielt Sedaris die Homo-Karte geschickt aus: Risikolos, da er sich mit seinen Büchern an ein aufgeklärtes tolerantes Publikum wendet und in ebensolchen Kreisen verkehren dürfte. Er erzählt von schwitzigen Schaumstoffhintern, von marineblauen Kaschmirpullovern und kokettiert mit seiner emotionalen Darstellung der verträumt-sentimentalen Tunte, während sich Hugh, augenscheinlich der Mann in dieser Beziehung, um die Versicherungsbeiträge, die Garantie der Waschmaschine und all das kümmert, was der nervige Alltag sonst noch zu bieten hat.
Gefällig & überraschungsarm
Muss man das Rad ständig neu erfinden? Nein, natürlich nicht, und wahrscheinlich gibt es nichts Angenehmeres, als auf einem eingefahrenen Sattel eine Radwanderung durch die Vorstadt zu unternehmen. Bedauerlicherweise ist es nur so, dass sich mit jeder weiteren Geschichte folgender Eindruck verstärkt: Sedaris ist sich bewusst, was die Mehrheit seiner Leserschaft von ihm erwartet und arbeitet die Themen zuverlässig und geduldig ab. Alles sehr gefällig, überraschungsarm, böse Menschen könnten ihn den „amerikanischen Dieter Bohlen der kurzen heiteren Prosa“ nennen. Ganz selten gelingt es ihm, mich zu überraschen und wirklich zum lachen zu bringen, etwa wenn er von „selbst haftenden Kondomen“ schreibt, einem externen Katheter, mit dem der Hersteller sich vor allem an Sportfans, Trucker und alle diejenigen richtet, die keine Lust haben, ständig nach einer Toilette zu suchen – eine schöne Passage, auch gut geschrieben, konsequent durchdekliniert, aber eben leider die Ausnahme.
„Mach doch mal was ganz anderes!“ – möchte man ihm zurufen, trau dich was! David Sedaris liefert hier Geschichten ab, die als solide bezeichnet werden müssen. Das einzig Verwegene an diesem Buch ist sein Schutzumschlag, der van Goghs Skull of a skeleton with burning cigarette zeigt – von 1895, aber in zeitlos frischem Duktus.