Mit Meine freie deutsche Jugend hat sich Claudia Rusch 2003 jenen Autoren zugesellt, die in der Wendezeit die Schule beendet hatten und plötzlich vor ungeheuren neuen Möglichkeiten standen. Zu alt, um das „System DDR“ nicht zu kennen, andererseits aber auch wieder zu jung, um bereits in dessen Stricken zu zappeln, waren die Auskünfte über ihr Leben in den letzten anderthalb Jahrzehnten im Osten Deutschlands, die sie mit ihren ersten Büchern kurz nach der Jahrtausendwende gaben, unverfälscht und ehrlich. Weder Scham noch Kalkül verschlossen ihnen den Mund und in dem Bemühen, zu erfahren, woher sie kamen, öffneten sie auch immer wieder den Blick auf das Leben ihrer Eltern und Großeltern. Der in den 90ern lauthals eingeforderte „große Wenderoman“ kam nicht aus dieser Autorengruppe. Dafür erwarb man sich Verdienste auf dem Gebiet der Alltagsdarstellung.
Sechs Jahre und viele, viele Begegnungen mit ihren – bei Weitem nicht nur deutschen – Lesern später nimmt Claudia Rusch nun das Thema ihres Erzähldebüts noch einmal auf. Und es ist ihr so wichtig, dass sie jeglichen Anschein von Fiktion diesmal konsequent vermeidet. In Aufbau Ost ist eine Reporterin unterwegs in Deutschland und in die von ihr vorgenommenen Erkundungen unserer Gegenwart mischt sich immer wieder Erlebtes aus jener Zeit, als es die fünf neuen Länder noch nicht gab, sondern 14 Bezirke – von Rostock im Norden bis Suhl im Südwesten – für administrative Übersicht sorgten.
Unterwegs in Deutschland
An jeden dieser Bezirke, die dem schmalen Band auch seine Gliederung geben, weiß die Autorin eine Geschichte zu knüpfen. Und alle Geschichten zusammengenommen beziehen ihren Witz und ihre Brisanz aus dem Vergleich zwischen einem Gestern, in das sich wohl niemand mehr wirklich zurücksehnt, und einem Heute, das noch lange nicht als perfekt empfunden wird, dem Gewesenen aber allemal den Rang abläuft. Von einst unüberwindbar scheinenden Grenzen, inneren und äußeren, ist da die Rede. Vom Russischunterricht fern jeder Sprachpraxis und den Kohlvarianten, zwischen denen die emsige Hausfrau wählen durfte: Grünkohl, Rotkohl, Weißkohl, Rosenkohl und Wirsingkohl. Dem Glauben samt den Schwierigkeiten, die man bekommen konnte, wenn man sich zu einem anderen als dem Sozialismus bekannte, wird genauso nachgegangen wie den heruntergekommenen historischen Stadtkernen allenthalben, die heute nicht mehr aufzufinden wären, hätte es die Wende nicht gegeben.
Leben, so teilen die Kapitel eines nach dem anderen mit, war möglich in jener Zeit und in jenem Land. Und wer Glück hatte und seine Sehnsucht nach dem Anderen klein zu halten verstand, konnte durchaus glimpflich davonkommen. Dem freilich, der dachte, er sei wirklich aufgefordert, durch Kritik das Bestehende verbessern zu helfen, wurden schnell seine Grenzen aufgezeigt. So wie dem Großvater der Autorin, dem 1967 der Prozess wegen „Nachrichtenübermittlung“ und „staatsfeindlicher Hetze im schweren Fall“ gemacht werden sollte und der in der Nacht nach der Anklageerhebung tot in seiner Zelle zusammenbrach. Das Schicksal dieses Mannes, der voller Idealismus und Selbstlosigkeit sich einst in den Aufbau des Sozialismus gestürzt hatte, erscheint denn auch als Auslöser für das vorliegende Buch. Indem Rusch sich auf seine Spuren begibt, lernt sie jene Seite der DDR kennen, die hinter Frank Schöbel und Pittiplatsch, Spreewaldgurken und Ampelmännchen, Broiler und Polylux langsam ins Unwirkliche zurückzusinken scheint.
Hinter Privatem der genaue Blick auf die Gesellschaft
Aufbau Ost ist ein Buch, wie es dieser Tage viele gibt – und doch auch wieder nicht. Denn Claudia Rusch versteht es ausgezeichnet, hinter scheinbar Privatem das große Ganze durchschimmern zu lassen. Stimmig in der Komposition, unbeirrt darin, dass das, was inzwischen seit 20 Jahren der Vergangenheit angehört, zu Recht verschwand, nimmt sich hier jemand nicht so wichtig, wie das andere in ihren den Markt aus gegebenem Anlass überschwemmenden Rückblicken gerade tun, aber immerhin wichtig genug, um sämtlichen Tendenzen der Verharmlosung vehement entgegenzutreten.