Oft heißt es, jemand sei gemessen an dem, was er geschaffen oder geleistet hat, viel zu unbekannt geblieben. Mal ist das mehr, mal weniger rhetorische Geste. Vermeintliche Unbekanntheit schafft neue Rezeptionsoptionen, einen erweiterten Hallraum. Daher wird sie gern behauptet. Im Fall von Jürgen Becker ist das noch ein wenig anders, komplexer, in etwa so: für die sogenannte literarische Öffentlichkeit ist er weder Unbekannter, noch Unterschätzter, nein, hochgradig geschätzt wird sein mittlerweile doch recht umfangreiches Werk landauf, landab. Geschätzt, geehrt und (manchmal auch ein wenig verspätet) ausgezeichnet. So weit, so gut.
Was den Büchern von Jürgen Becker nicht vergönnt war, ist der Sprung auf eine breitere mediale Ebene, wie er sich bei Generationsgenossen wie Walser oder Enzensberger vollzogen hat, denen über Jahrzehnte hinweg ein hohes Maß an medialer Aufmerksamkeit zuteil wurde, die ihre politischen Gesten und Kreuzzüge von den Bildschirmen dieser Republik aus vortragen konnten. Schon in den konzentriertesten Sätzen seiner nun erschienenen Journalsätze Im Radio das Meer wird deutlich, wo für Becker die Indikatoren für das Erkennen, für die Bewertung der Gegenwart liegen: „Vergangenes … komm, erzähl mir was von heute.“
Das nicht kommunizierbare Universelle
Dies aber hat Gründe. Das Breite, Allgemeine, Nachvollziehbare ist bei Becker nicht für jedermann gedacht. Dafür ist es eben zu universell und auch eben nicht diskursiv einsetzbar. Man spricht das Universelle so für sich dahin, denn um für jedermann zu gelten, ist es schon wieder zu groß und allgemein. Zwar fallen Sätze wie „Man ist selber die Zeit, die einem so rasch vergeht“, Sätze mit beinah aphoristischem Charakter, mit einer Karl-Krauß’schen Singularität, doch sind es keine politisierenden, keine nach außen gekehrten, auffordernden Sätze. Vielmehr produzieren sie die Art von Stille, die sie selbst für notwendig halten, um Dinge wirklich zu sehen. Es ist da nicht viel zu sagen zum Tagesgeschehen, eher schon zu einem Apfel oder einer Maus. Auch offenbart sich hier ein gewieftes Spiel mit Induktion und Deduktion, dem Becker in immer leidenschaftlicherer Virtuosität frönt.
Großer Sinn für rauschende Kleinigkeiten
Kaum jemand hat in der deutschsprachigen Literatur nach 1950 einen solchen Sinn für Kleinigkeiten. Solche wie die Katze, die zunächst vor der Tür lauert, als wollte sie hinaus, als ihr geöffnet wird, aber bloß weiter im Hauseingang herumhockt. Oder den „Pausen auf Baustellen“, den „Schnee auf den Dächern“, das „Meer im Radio“. Und mit dieser letzten, titelgebenden Metapher wäre auch genau das umrissen, woraus diese Prosa ihre Kraft schöpft: aus dem unendlichen und undurchdringbaren Rauschen der Dinge in der Welt. Sie zu lesen, zu begreifen, zu entziffern, in täglicher Schwerstarbeit des Filterns und des Neu-Zusammensetzens, darin liegt das wahrhaft funkelnde, ihre Geworfenheit überdauernde Moment der Prosa Beckers.
Gut, ließe sich sagen, diese Texte wollen keine größere Öffentlichkeit, fordern keine Lautstärke heraus, also bekommen sie auch keine. Das aber ist in seiner Konsequenz doch ziemlich schade. Denn Beckers Bücher, angefangen bei noch eher experimentellen Texten wie Ränder oder Felder bis hin zu der nun mit Im Radio das Meer abgeschlossenen Journaltrilogie, verfügen über eine kafkaeske Tragweite, scheuen sich aber zugleich nicht, um Lichtjahre präziser zu werden als Kafka, aus ihnen spricht eine magische Aufmerksamkeitsgabe. Dass sie zudem nur so vor Selbstironie strotzen, einer heimlichen, feinen, gespensterhaften Selbstironie, macht sie nur umso anziehender.