Fridolin Schley, Jahrgang 1976, schafft es zunächst mit Leichtigkeit, den Leser – Verzeihung – eintauchen zu lassen in (Vor)Sommerfreuden. Unangestrengt begleiten wir den selbst noch nicht allzu alten Erzähler durch die Anekdoten aus seiner Jugend. Wir erfahren insbesondere etwas von den verschiedensten Rollen, die der Vater für den Sohn gespielt oder verkörpert hat, ganz im Sinne der kürzlich in einem großen deutschen Nachrichtenmagazin konstatierten „wachsenden Sympathie von Jung für Alt“. Auch in vielen von Schleys Erzählungen scheint „die Entzweiung der Generationen passé“, wird die Wandlung der Vaterfigur vom Trauma zum Traum spürbar: der Vater war „Tecumseh“, hat philosophiert wie „Albert Camus“, Tennis gespielt wie „Ivan Lendl“, die Mutter als heimlicher „James Dean“ erobert, war versteckter Motivator bei der WM 1990 als Ersatzspieler „Frank Mill“ oder der einzig wahre Berliner „JFK“. Oh, what a man!
Sechs dieser Miniaturen der Marke „Vater und Sohn“ alternieren in Schleys Erzählungsband mit fünf längeren Erzählungen. Schlüssig liest sich insbesondere die erste, „Schöner Ball“, in der sich Schley auf einen überschaubaren thematischen Schwerpunkt konzentriert: das Finale einer Jugend-Tennismeisterschaft. Das mutet nicht weltbewegend an und – in diesem Fall: Advantage Schley – will es auch nicht sein. Diese Erzählung verharrt quasi nachvollziehbar auf Filzballhöhe. Man bekommt ebendiese Filzbälle als sprachliche Passierschläge nur so um die Ohren gehauen, weshalb Schleys Erzählungsband, bedenkt man auch noch die kurze Reminiszenz an Ivan Lendl, neben Konz’ 1000 ganz legalen Steuertricks das ideale Zweitbuch für Boris Becker werden könnte.
Insbesondere die weiteren längeren Erzählungen erscheinen dann nicht mehr schlüssig bewältigt. Dies liegt hauptsächlich daran, dass immer mehr Ereignisse bzw. Themen pro Text angesprochen werden. Vielleicht meint man als Autor phasenweise, man würde nicht mehr lange genug leben, um wenigstens teilweise auf später zu verschieben, wozu man gerne etwas mitteilen würde, vielleicht war das Lektorat als notwendiges Korrektiv hier zu schüchtern, den Autor in seiner Themenwut zu bremsen, wie auch immer: Sport und Sportler, Pubertät und Abitur, der ungeklärte Tod eines Mitschülers und der Dorfpolizist, Kunst und Krieg, Hegel und Hitler, Sommertag und Mitternachtsspaghetti, Filmemachen und natürlich Berlin, Stasi-Knast und DDR, Armut und Jazzmusik … – die weiteren, kompositorisch länger angelegten Erzählungen scheinen Schley zunehmend verführt zu haben, nun auch thematisch zusätzlich auszuholen und dies kollidiert mit seinem Vermögen, eigentlich zwanglos erzählen zu können. Resultat ist leider, dass die erzählerische Tiefenschärfe abnimmt – ganz im Gegensatz zu Schleys gleich bleibendem sprachlichen Vermögen.
Textauszug:
„Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag gewann ich die Gautinger Tennismeisterschaften im Junioren-Einzel und verlor die Überzeugung, dass die Rückhand von Stefan Edberg das einzige sei, weshalb es sich lohne, eifersüchtig zu sein.
Einen durchgezogenen Vorhandreturn vor meine heranstürmenden Füße hatte ich mit einem Halbflugball, wie man ihn bei Juniorenmeisterschaften nicht alle Tage zu Gesicht bekommt, beantwortet, doch auch dieser letzte Ball tröpfelte schließlich ohne Beifall durch das gegnerische Halbfeld, da andere Ereignisse, die nicht weit entfernt stattfanden, auf sich aufmerksam machten.“
Olaf Selg
Fridolin Schley: Schwimmbadsommer. Erzählungen. C. H. Beck 2003. Gebunden. 240 Seiten. 17,90 Euro. ISBN 3-406-50260-1