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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:44

Michel Houellebecq & Bernard-Henri Lévy: Volksfeinde

14.12.2009

Briefe vom Rande der Gesellschaft

Die beiden Stars des intellektuellen Frankreich, Bernard-Henri Levy und Michel Houellebecq, wechseln Briefe. Sie schmeicheln einander und beschimpfen sich ... Von SIMONE SCHRÖDER

 

Als er fünfzehn Jahre alt war, reiste Michel Houellebecq zum ersten Mal ins Ausland und verbrachte den Sommer in Bayern, in Traunstein am Chiemsee. Im Gepäck hatte er mehrere dicke Wollpullover, weil seine Großeltern und er sich Deutschland als ein „ganzjährig in Winternebel gehülltes Land“ vorgestellt hatten. Er war zum Deutschlernen hergekommen, verbrachte die Vormittage beim Deutschunterricht und die Nachmittage mit Velvet-Underground-Platten und Blaise Pascals Gedanken auf seinem Zimmer. „Der berühmte Satz ‚Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume macht mich schaudern’ ist so oft zitiert worden, dass er an Eindrücklichkeit verloren hat, aber ich las ihn dort zum ersten Mal, und zwar ohne jeden Rückhalt, ich bekam ihn sozusagen voll in die Fresse“, schreibt er in einem Brief an Bernard-Henri Lévy und kommt anschließend darauf zu sprechen, dass er in manchen Augenblicken an Gott geglaubt und sich Gottesdienste in allen Pariser Arrondissements angesehen habe und sogar einmal für einen Vorbereitungskurs auf die Erwachsenentaufe angemeldet gewesen sei. Wer hätte das gedacht?

Houellebecq & Lévy

Michel Houellebecq ist das, was man gemeinhin einen Skandalautor nennt. Dieser Ruf liegt in Romanen wie Plattform (2002) – der von Einsamkeit und Sextourismus erzählt, dabei selbst neokolonialistische Züge offenbart und gegen den Islam polemisiert – begründet. Hasstiraden und pornografische Passagen haben Houellebecq bekannt gemacht und wenn sie auch nur eine Seite seiner Texte ausmachen, wird doch jeder neue Roman vom Feuilleton auf skandalträchtige Szenen durchleuchtet. Bernard-Henri Lévy, Schriftsteller, Philosoph und links-intellektuelle Medienfigur, wird von den französischen Medien als „Kaviar-Linker“ bezeichnet, einer von der „Toskana-Fraktion“, ein „Philosoph ohne Ideen, aber mit Beziehungen“, wie Houellebecq über ihn schreibt.

Briefe für die Öffentlichkeit

Lévy und Houellebecq schreiben sich also Briefe – ein Briefwechsel, der mit dem Ziel einer späteren Veröffentlichung begonnen hat. Es fließt wenig Privates ein und fast keine Alltäglichkeiten – kein: Heute Morgen habe ich im Café x gefrühstückt und dabei y getroffen, der mir von z erzählt hat, dass … –, wie sich Briefwechsel von Literaten sonst oft lesen –, vielmehr werden am laufenden Band Standpunkte ausgetauscht. Angeblich kannten Houellebecq und Lévy sich vor der Idee zum Briefwechsel kaum. Erst eine Mitarbeiterin aus Houellebecqs ehemaligem Verlag Flammarion hat sie zusammengebracht.

Als „Schlagabtausch“ bewirbt der Verlag den Band. Und auch wenn Lévy und Houellebecq von verschiedenen Rändern des politischen Spektrums kommen, ist dies den Briefen doch nur stellenweise anzumerken. So beginnt Houellebecq den Austausch mit dem Satz: „[W]ir sind, könnte man sagen, grundverschieden – mit Ausnahme eines entscheidenden Punktes: Es handelt sich bei uns beiden um ziemlich verachtenswerte Individuen.“ Diese Feststellung ist Ausgangspunkt und selbstironische Ich-Karikatur. Mit diesem Satz schreibt Houellebecq die Position fest, auf der er und Lévy stehen: am Rande der Gesellschaft, mit dem Nachteil, sich nie zugehörig zu fühlen, und dem Vorteil der besseren Perspektive.

Standpunkte & Bekenntnisse

In den Briefen geht es (für den deutschen Leser nicht immer bis zu jedem Seitenhieb nachzuvollziehen) um die französische Medienlandschaft, darum, wie oft beide sich selbst googeln, und welche Ekzeme sie anschließend bekommen. Es geht um Musik (M. H. über Jazz: „ach, diese endlosen jam sessions, die losgehen, sobald die Musiker ihre Instrumente gestimmt haben! An denen nur sie selbst Spaß haben! Die nur Langeweile verbreiten!“), um „prachtvolle Blondinen“ in Russland, um Demokratie und immer wieder um Schriftsteller – meist französische (M. H.: „der geistlose Romanautor“ Céline war „ein hervorragender Verfasser von Pamphleten“). Nach etwa einem Drittel des Briefwechsels stellt Lévy fest: „ich muss zugeben, lieber Michel, dass Sie in der Gattung ungeheurer, ziemlich provokanter Bekenntnisse sehr stark sind, und das wird die Leser nicht kalt lassen.“ Womit er nicht Unrecht hat, denn Ergebnis der Korrespondenz ist ein teils provozierender, teils sehr unterhaltsamer Briefwechsel, der hiermit besonders Liebhabern von Houellebecqs pessimistischer Weltsicht ans Herz gelegt sei.

 

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