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Freitag, 25. Mai 2012 | 19:46

Georg Brunold (Hg.): Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren

08.02.2010

Hervorragende Subjektivität gegen nüchterne Faktizität

Georg Brunolds ehrgeiziges Unternehmen zur Ehrenrettung der Reportage kann sich sehen lassen. Aber es ist ehrlich gesagt schon schwer genug, diesen prächtigen Folianten voller Augenzeugerei überhaupt zu übersehen. Von CHRISTIAN NEUBERT

 

Georg Brunold rückt auf eine ebenso beeindruckende wie selten dargebotene Weise den Stellenwert der Reportage zurecht. Nichts als die Welt umfasst 164 journalistische Texte auf 600 Seiten aus 2500 Jahren Menschheitsgeschichte, darunter nicht wenige in deutscher Erstveröffentlichung. Wie spannend und lehrreich Geschichte sein kann! Auszüge aus Reiseberichten, geografische Aufzeichnungen, Einträge aus Kriegstagebüchern ... die von Brunold über mehrere Jahre zusammengetragenen Reportagen decken die epochemachenden Ereignisse der Menschheitsgeschichte chronologisch ab, lassen den Leser aber auch an vermeintlich wenig bedeutsamen Momentaufnahmen teilnehmen.

 

Durch Raum und Zeit ...

So stammt der erste Text aus der Feder des Erfinders der Chronologie – von Herodot, der um 450 v. Chr. seinen Landsleuten von Ägypten berichtet. Eine der ersten Reportagen nach klassischem Vorbild ist eine Aufzeichnung Platons, die den Tod des Sokrates zum Thema hat. Dem folgen Schriften von Gaius Julius Caesar, von Strabo, der von seinem Besuch Babylons berichtet, und von Tacitus, der als Erwachsener schreibt, wie er als Neunjähriger Rom in Flammen hat aufgehen sehen, bis man bereits nach einem Zehntel der 684 Seiten mit einem Auszug aus der einzig bekannten zeitgenössischen Biografie Karls des Großen im europäischen Mittelalter angelangt ist.

 

Man begleitet Heinrich IV. bei seinem Gang nach Canossa, Kolumbus auf seiner Fahrt über den Atlantik und findet sich mit Überlebenden des Titanic-Unglücks im Rettungsboot wieder. Man atmet den Pesthauch Londons anno 1665, bekommt von Voltaire die Praxis der Pockenimpfung vermittelt und lässt sich von gern verdrängten Berichten über die Sklavenhaltung in der sogenannten Neuen Welt erschüttern. Man steht Seite an Seite mit Schweizer Gardisten beim Verteidigen der Bastille, wohnt dem Attentat auf Lincoln bei und blickt Hemingway über die Schulter, als dieser – in seiner Funktion als Kriegsberichterstatter – in Paris einmarschiert.

 

... hierher zurück

In Nichts als die Welt weicht die nüchterne Faktizität von Geschichtsbüchern den subjektiven Blicken hervorragender Autoren, praktisch jede Reportage ist für sich ein ungeheuer intensives Leseerlebnis – und dennoch nicht weniger wahrhaftig. Schließlich ist, wie Brunold im Vorwort richtig bemerkt, die Vergangenheit „einem immerwährendem Wandel unterworfen“, der aus der ständig sich selbst aktualisierenden Gegenwart resultiert.

 

Komplettiert wird die Sammelschrift durch zwölf sorgsam ausgewählte Fotoreportagen, von denen die jüngste die Räumung der Büros der Lehman Brothers zeigt. Die Fotoserien sind zwischen die Texte eingefügt, wohl um den Fotojournalismus als gleichberechtigt neben der schriftlich dargelegten Berichterstattung gelten zu lassen. Da sie sich jedoch der eigentlichen Chronologie des Bandes entziehen, wäre es vernünftiger gewesen, sie gesondert am Ende des Bandes aufzuführen. Doch dieser Wunsch entspricht, angesichts der Meisterleistung der Verleger des Bandes, in etwa dem nach Ketchup in einem Gourmettempel.

 

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