Heimat ist da, wo man sich aufhängt
Lose zieht sich die Thematik der Nahrungsaufnahme durch alle elf Storys: Da ist der autistische Junge, der wahllos bunte Papierschnipsel und Reißzwecke schluckt; die Urgroßmutter, der die Panade des Wiener Schnitzels unterm Gebiss scheuert; die Frau, die in einer verirrten Amour fou von ihrem Liebhaber zu Tode gemästet wird; der jugendliche Amokläufer, der auf einer Party nacheinander fünf Bierflaschen leert und mit der letzten einer Mitschülerin den Kopf einschlägt. Kurz darauf richtet er mit der entwendeten Waffe seines Vaters ein verheerendes Blutbad an. Spätestens hier hat uns die Realität erreicht. „Da war den Leuten, als würden die beiden Türme ein zweites Mal einstürzen, aber irgendwie viel näher.“
Mit ihren gerade mal 116 Seiten ist diese Sammlung von Erzählungen ein Leichtgewicht – und dennoch schwer verdaulicher Stoff, in einer Mogelpackung getarnt. Cornelia Travnicek versteht es, den Leser mit einfachen Worten und ungekünstelten Sätzen einzufangen, ihm ein bekanntes, heimatliches Gefühl unterzujubeln. Doch der Schreck, die Überraschung, das Unfassbare kommen unterschwellig daher. Skurril und abgedreht, realistisch und expressionistisch, geheimnisvoll und alltäglich sind diese Storys, die allesamt um den Hunger kreisen, auch wenn es nur der Hunger nach Anerkennung und Aufmerksamkeit ist.