Grillfeste. Tupperware. Trailerparks
In diesem Frühjahr nun ist Gumbrechts Essaysammlung California Graffiti bei Hanser erschienen, und wenn man es nicht besser wüsste, würde man wahrscheinlich schreiben, es seien Texte „mit einem Augenzwinkern“. Denn worüber schreibt er, der Husserl und Heidegger wahrscheinlich besser verstanden hat als sie sich selbst? Football. Harvey Milk. Das versteinerte Hippie-Disneyland in Berkeley. Grillfeste. Tupperware. Trailerparks. Solche Sachen. Und dann der Ansatz: Gumbrecht, der brillante Literatur-und Wissenschaftshistoriker, der in seinen Vorlesungen in bester Harold-Bloom-Manier selten einen geringeren Horizont als den des Abendlandes in seiner Ganzheit gelten lässt, schreibt über hyperrealistische Plätze, die ihn als Professor betreffen, der für heute Feierabend gemacht hat. Wirre Real-Komödien, über die er sich selbst totgelacht hat. Mark Twain auf Europareise, bloß genau andersrum.
Professor Gumbrecht, die selbsternannte „Metonomie für Alteuropäisches“, als Gonzo-Journalist. Nichts hätte er weniger nötig. Alles nicht ganz leicht zu begreifen, Anachronismen wohin man schaut: Sooft es geht betont der Kosmopolit, der seit 20 Jahren US-amerikanischer Staatsbürger ist, seine patriotische Ergriffenheit, die ihn in ihrer zärtlichen Gewalt hat, wenn er am Freitagabend vor einem Highschool-Footballspiel die amerikanische Nationalhymne hört. Und zwischendrin gibt es immer wieder solche bewegenden Ganz-Große-Oper-Formulierungen wie etwa „Geschichtlichkeit als melancholische Selbstzuwendung“, mit der er den zivilisatorischen Vorsprung Europas vor Kalifornien in einem Nebensatz skizziert.
Diagnosen all überall. Die Seele der Menschen äußert sich in ihren banalsten Stätten und die gilt es, als sakral zu entlarven. Das kann der Autor und doch hält seine Analysewut die Dinge auf Distanz. Vom Dasein begeistert klingt er immer nur da, wo es um Amerika und Kalifornien geht, denn das ist alles, was Franken, dieses Deutschland in der Nussschale, niemals mehr sein wird: Niemand war schon immer da, nichts wurde dort schon immer so gemacht. Die wichtigsten Ideologien sind die Vielfalt und die Vernunft. Wenn sich der Professor, wie sich der Erzähler bevorzugt nennt, gerade dadurch im Zentrum des Bundesstaates und in den Herzen seiner Bewohner wähnt, weil er genauso verschieden ist wie sie, zittern ihm vor Rührung die Fingerspitzen. Und treffen dabei – das passiert leicht, wenn man so viel schreibt wie Hans Ulrich Gumbrecht – meistens eine Tastatur: „Was war unwiderstehlich? Soweit ich verstehen kann, gab es keine, guten Gründe. für meine Reaktion – aber gerade keine Gründe zu haben, macht ja Unwiderstehlichkeit aus.“