Norbert Niemann / Martin Schmidt: Kleine Transporter
14.06.2010
Mein Leben im Glashaus-Appartment
Er war dann mal weg … Schriftsteller Norbert Niemann hat als Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia ein Jahr in einem Künstler-Mikrokosmos verbracht. Über seine Erfahrungen hat er zusammen mit dem Künstler Martin Schmidt einen schönen und lesenswerten Band zusammengestellt. Von MARTIN BEYER
„Distractions, Like Butterflies Are Buzzing ’Round My Head.“ Wenn Paul McCartney in seinem Song Distractions von den vielen, in ihrer Summe zermürbenden Ablenkungen des Alltags singt, dann geht es vor allem um eines: um den Verlust der Minuten und Stunden, die man doch besser mit der Geliebten verbringen würde, anstatt sich um die Steuer oder enervierende Anrufe zu kümmern. Ersetzen wir nun schamlos „Geliebte“ mit „Kunst“, würde das Lied noch immer funktionieren. Das Bild vom elfenbeintürmelnden, flanierenden oder sonstwie von den Alltäglichkeiten enthobenen Künstlers ist zumindest ein schiefes. Moderne Autoren vernetzen sich, schreiben für Blogs, twittern, lassen sich auf Preisverleihungen sehen, bei denen sie gar keinen Preis bekommen, lesen in Gefängnissen und auf Kreuzfahrtschiffen. Und wo bleibt da die Kunst? Die Gefahr droht, bei allen größeren und kleineren Ablenkungen das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Die Musen reagieren, schlimmstenfalls, mit Liebesentzug.
Abhilfe und Versöhnung versprechen Aufenthaltsstipendien, die ein mehrwöchiges oder gar mehrmonatiges Ausklinken und traute Zweisamkeit mit der Geliebten, also der zweiten, versprechen. In Bayern, genauer gesagt im fränkischen Bamberg gibt es seit zwölf Jahren eine außergewöhnliche Einrichtung, die es den Stipendiaten ermöglicht, für ein Jahr fernab aller distractions zu arbeiten: das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia, seit April 2010 unter der Leitung der Poetin Nora Gomringer. Die Besonderheit dieses Hauses ist, neben der beeindruckenden Architektur, die Barock und Moderne gekonnt zusammenführt, dass Künstler der Sparten Literatur, Bildende Kunst und Musik aufeinandertreffen, wobei die Hälfte eines Jahrgangs stets aus einem Gastland kommt, 2010/2011 ist es Portugal.
,,Ich möchte von der Wirklichkeit erzählen"
Der Schriftsteller Norbert Niemann, 2009/2010 Stipendiat der Villa Concordia, hat nun Aufzeichnungen, Beobachtungen und in dieser Zeit entstandene Radiobeiträge und Blogs sowie das Libretto einer Kurzoper in dem feinen Band Kleine Transporter veröffentlicht. Diese Tagesaufzeichnungen sind verwoben mit Bamberg-Zeichnungen und -Aquarellen des Bildhauers, Objektkünstlers und Mitstipendiaten Martin Schmidt.
Um es gleich vorwegzunehmen: So ganz scheint es mit dem Rückzug und der völligen Konzentration auf die Romanarbeit nicht geklappt zu haben. Niemann konnte das eine, das Romanschreiben, nach einer Eingewöhnungsphase zwar tun, nicht aber ohne das andere, das Netzwerken, zu lassen. Denn dazu dient ein solches Stipendium auch: nicht nur dem Austausch, sondern im Idealfall dem gemeinsamen, spartenübergreifenden Arbeiten an einem Werk. Bei Bachmann-Preisträger Niemann hat das gleich mehrfach funktioniert, das Libretto und die Zusammenarbeit mit Martin Schmidt für den Band Kleine Transporter sind Zeugnis davon. Aber es ist auch zu hören, wie der Autor gelegentlich und nicht nur zwischen den Zeilen aufstöhnt, weil er schon wieder nicht so zum Schreiben kommt, wie er sich das eigentlich gedacht hätte ...
Norbert Niemann im Generationenkonflikt
Was lernen wir noch in diesem Band über Norbert Niemann, der durch Romane wie Schule der Gewalt und Willkommen neue Träume bekannt wurde? Wir erleben einen Autor, der nicht davor zurückschreckt zu fragen, was er persönlich als Autor und was seine Autorengeneration insgesamt für einen Stellenwert in einer post-postmodernen, polyvalenten Gesellschaft innehat. Wie altmodisch, könnte man meinen: ein Autor, der sich noch haftbar machen lässt für das, was er denkt und schreibt. Der sich dagegen wehrt, in den Diskursnetzwerken dieser Zeit zu verschwinden. Dazu gibt es eine entscheidende Stelle, die gleich im ersten Eintrag des Buches zu finden ist. In der Begegnung mit dem „blutjungen“ Komponisten Johannes X. Schachtner, ebenfalls Stipendiat im Hause, bekommt er zu hören, dass seine Generation, Niemann ist Jahrgang 1961, „ins restlos Konturlose“ verfalle. Der junge Künstler hingegen hat folgenden Anspruch:
„Den kulturell restlos diversifizierten, in Beliebigkeit mündenden Zustand meiner Altersgruppe abzulösen, durch eine Rückwendung zum ‚Authentischen‘, im Sinne einer affektiven Betroffenheit.“
Das sitzt. Sitzt das? Ist das nicht womöglich Niemanns eigener Anspruch? Wie ernst kann es gemeint sein, wenn heute noch jemand vom „Authentischen“ spricht? Es ist in der Folge äußerst spannend zu verfolgen, wie Niemann in seinen Tagesaufzeichnungen und Beiträgen diese Sätze indirekt wieder aufgreift – zum Glück nicht immer todernst. Und vielleicht ermöglicht es ein solches Stipendium also doch, dass man zurückfindet zu solchen wesentlichen Fragen: Wie wurde ich ein Künstler? Wie bleibe ich ein Künstler? Warum liebe ich die Kunst?
Angesichts der Komplexität dieser Fragen könnte man schier verzweifeln, aber Paul McCartney singt in besagtem Song Distractions allen zukünftigen Stipendiaten Mut zu: „Away From All This Jazz: We Could Do Anything At All!“ Es gibt eben nichts, das ein Beatle nicht schon einmal durchlitten – und vielleicht sogar bewältigt hätte …
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